Modezweifel

Wer kennt sie nicht, die modischen Ratschläge von Müttern und Großmüttern:
– „Warum ziehst du dich nicht mal ein bisschen poppiger an? Du kannst das doch tragen. Das knappe rosa Teil sieht immer so süß an dir aus!“ Das war die mütterliche Modemeinung.
– „Kind, wie läufst du wieder rum? Gehst du zu einer Beerdigung? Wenn wir mal wieder in der Stadt sind, kauf ich dir ein Blüschen mit Puffärmelchen, das kleidet immer!“ Und das die großmütterliche Weltanschauung.

Ich bin meiner Waschfrau, die mir zur Zeit beim Ausmisten meines Kleiderschranks behilflich ist, sehr dankbar, dass sie mich mit solchen Kommentaren verschont. Egal welches Teil sie aus dem Wäscheberg zieht, und sei es noch so verwaschen oder löchrig oder unangebracht – sie nimmt keine Wertung vor, sondern fragt lediglich: „Tragen Sie das noch?“ Macht mich auf Webfehler, Schäden oder fehlende Knöpfe aufmerksam, doch am Ende entscheide ich, was ich behalte oder loswerden will.

Bei einem Teil kämpfen wir noch. Ein betagter Pullover, die Farben verblasst vom vielen Waschen, über und über mit gestopften und wieder aufgerissenen Löchern und Nähten. Ich trage ihn seit Jahren, genauer seit über einem Jahrzehnt, täglich, pflegte und verwöhnte ihn mit extra sanftem Waschmittel und Weichspüler. „Natürlich können Sie versuchen, das zu reparieren. Sie müssen sich nur klar darüber werden, ob sie das auch wirklich wollen.“

Vieles ist Gewohnheit. Die Kombinationsmöglichkeiten sind beschränkt, wenn man sich auf ein Lieblingsteil festlegt, das nun mal gewissen modischen Restriktionen unterliegt. Passt mir der Pullover noch, oder habe ich mich an seine Form angepasst? Nicht leicht zu beurteilen, wenn man gerade dabei ist, sich zu verändern, zu wachsen und sich auszudehnen zu expandieren (klingt etwas weniger nach „fett werden“). Wächst der Pullover mit? Wie viel Elastizität darf ich ihm zutrauen, um wie viel ist er bereit sich mit auszudehnen? Ich ziehe ihn seit Tagen probeweise über, er zwickt an manchen Stellen, juckt und kratzt. Und dennoch ist er gewohnheitsmäßig bequem, sein Geruch ist mir vertraut, ich kenne jede ausgebesserte Stelle und seine gesamte Textur. Und trotzdem will er nicht so recht zu mir passen.

Aber wenn ich ihn jetzt aussortiere, bin ich erst mal unbekleidet. Bin ich schon so weit, mich aus mir selbst heraus zu wärmen? Bin ich so weit, Kleidung zu tragen, die mehr von meinem Ich nach außen sichtbar macht, anstelle es zu verhüllen? Die Angst, sich angreifbar zu machen, überwiegt noch. Ich denke, ich werde meine Waschfrau noch das eine oder andere Mal um Rat fragen. Vielleicht, wenn wir uns etwas besser kennenlernen, kann sie mir ein paar Tipps geben, womit ich meine Persönlichkeit – mein ichiges Ich – besser unterstreichen kann und welche Farben und Schnitte ich besser meiden sollte.

Still … a long way to go. Mit viel Wasser und Seife.

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