Anzeigentexte

Ein frohes Neues Jahr, Gesundheit, Glück und Wohlstand
wünscht ihrer wohlgesonnenen Leserschaft

Mme Contraire

So würde ich wohl eine Anzeige formulieren, hätte ich eine größere, wohlgesonnene Leserschaft. Und eine geeignete Plattform dafür. Ob Allgemeine Zeitung oder Käseblatt, beim Lesen nehme ich mir zuerst den Anzeigenteil vor, um mich über wichtige Veränderungen bei mir auf dem Dorf und in der näheren Umgebung zu informieren. Angezeigt werden meist erfreuliche Begebenheiten, nämlich Verlobung und Hochzeit, Geburt, runde Geburtstage und Ehejubiläen, quasi alles, was nach Glückwunsch und Feierei schreit. Auch Volljährigkeit und Schulabschluss, die besten Wünsche zur Einschulung und zum Meisterbrief finden sich saisonal. Und natürlich Todesanzeigen. Man munkelt, nirgends werde so viel gelogen wie beim Nachruf auf geliebte Menschen. Hier fordert es der Brauch von der Bevölkerung, Trauerkarten zu versenden. Wem es möglich ist, ein paar tröstend gemeinte Worte zu formulieren. Die Traueranzeige informiert in aller Regel auch über das Beisetzungsdatum, und jeder, der sich dem Verstorbenen verbunden fühlt, ist damit zur Trauerfeier eingeladen – und zum anschließend stattfindenden Trauerkaffee, wenn es eine traditionelle, dörfliche Beisetzung ist. In fröhlicher gemeinsamer Runde schlürft man im Gemeindehaus Kaffee und labt sich am Krümelkuchen, erzählt die eine oder andere Anekdote über den Verstorbenen und geht danach, trotz des traurigen Ereignisses, irgendwie erleichtert seines Weges.

Verlobung, Hochzeit, Geburt und Tod – wieso dann nicht auch mal eine Trennung anzeigen, fragte ich mich kürzlich. Wenn Freude und Trauer zum Leben und damit veröffentlicht gehören, dann sollte man vielleicht auch über Trennungsanzeigen nachdenken. So könnte eine lauten:

Wir haben uns getrennt.

Nach siebzehn Jahren des Zusammenlebens haben wir beschlossen, unseren gemeinsamen Lebensweg zu beenden und künftig getrennte Wege zu gehen. Von Beileidsbekundungen und Spekulationen in der Öffentlichkeit bitten wir Abstand zu nehmen.

Hans und Brigitte M., Kleinkäffleinshausen, im Januar 2013.

Interessant, stelle ich mir dabei vor, wäre dann die Ambivalenz möglicher Reaktionen der Leser: Beileids- oder Glückwunschkarte? Aufrichtige Anteilnahme oder heimliche Ich-habs-ja-immer-geahnt-Freude?

Geschmacklos? Unnötig? Tabubruch? Möglicherweise. Aber wenigstens ehrlich.

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