Pubertierende Menschheit

Feiertage, Familientage. Vor allem bei der eigenen steht da meist zu späterer Stunde und steigendem Alkoholpegel interessante Konversation auf dem Programm. Hinterher weiß man meistens nicht mehr, wie man überhaupt auf das Thema kam. Ein Reizwort genügt, und das Familienoberhaupt ist in seinem Element. Es geht um Hobbyschützen, Waffenbesitz, Amokläufe und die Menschheit im Allgemeinen. Das Familienoberhaupt, seines Zeichens verbalmilitanter Pazifist, lehnt bekanntermaßen alles ab, was mit Waffen und Kriegsführung zu tun hat. Die ganze Welt müsste man entwaffnen, damit es endlich Ruh‘ und Frieden gibt!

Es wird also diskutiert, über Sinn und Unsinn sportlich inspirierter Zielscheibenschießerei, inwieweit das als akzeptables Hobby gelten darf, ob das Mitglied im Sportschützenclub am Tontaubenschießen an sich oder rein am Waffenbesitz interessiert ist und natürlich, welchen sozialen Hintergrund der neuste Amokläufer in den USA gehabt haben mag. Auch so ein Ballerspielfanatiker? Ich blicke in die Runde. Man weiß es nicht. Wer so nachrichtensatt ist wie wir dieser Tage (und so absolut unpolitisch, das allerdings das ganze Jahr über), der lässt alles aus Radio, Fernsehen und Internet ungefiltert im Nirvana des ohnehin weihnachtsstrapazierten Hirns versanden.

„Zwei Aspekte“, werfe ich, das zweite Glas Sekt intus und nicht mehr allzusehr Herrin meiner Mimik, in den Raum. „Ich hab mal bei so ’nem Ballerspiel zugeschaut, und ich war ernsthaft geschockt. Das war alles so echt! Blut – überall – spritz und sprotz, ich war entsetzt, dass mein Nachbar, ein erwachsener Mensch, sowas macht und das auch noch gut findet! Und andererseits“, das dritte Sektglas folgt meiner Handbewegung auf die andere Seite und schwappt ein wenig über, „meine liebste beste Freundin, Theologiestudentin, ein guter und friedvoller Mensch par excellence, die kürzlich auf der Insel war und in einer Spielhalle ihre Mitspieler mit einer Laserkanone abgeschossen hat und von hundertprozentigem Aggressionsabbau schwärmte! Ich frage mich, ob das nicht irgendwie  doch in uns allen steckt. Aggressionen abbauen, indem wir anderen mindestens mal aufs Maul hauen wollen.“ Auf Ex, das war ein langer Monolog.

Die Diskussion entspinnt sich um das Bildungsstadium, in dem sich die Menschheit derzeit befindet. „Vernunftbegabt,“ doziert das Familienoberhaupt, seines Zeichens selbstgelehrter Philosoph (und Naturtheologe), darf sich heutzutage noch keiner nennen. Die Menschheit ist ja gerade erst der Grundschule entwachsen, wenn ich den Vergleich einmal anbringen darf. Bis die Menschheit erst mal Abitur hat und eine Hochschule besucht, ach! Da vergehen noch … ach!“

„Zunächst mal,“ hake ich ein, das dritte Glas Sekt halb drin, halb auf der weißen Bluse, es ist jedenfalls leer, „wer legt eigentlich fest, dass die Menschheit nach der Grundschule überhaupt ein Gymnasium, besucht und nicht doch die Realschule Plu… Pluus? Ich meine, ein bisschen Praxis ist doch selbst der Philosophie nicht fremd. Weißt schon,“ lallt es aus mir, „Fachkräftemangel und so. Oder besteht die zukünftige Menschheit nur aus Akademikern? Beschwören wir dann Glühbirnen mittels purer Vernunft sich selbst zu wechseln und beheben sich verstopfte Toiletten durch reine Willenskraft?“ Ich weiß, das ist irgendwie ein blödes Argument, aber mein böser Zwilling steht krawallgebürstet hinter mir und hält mir ein Glas Whisky on the rocks unter die Nase.

„Kein Wunder“, setze ich nach, „dass die Menschheit anscheinend so im emotionalen Zwiespalt zwischen Zi… Ziiivilisation und Urtrieb gefangen ist. Ignorieren oder aufs Maul hauen? Die Vergangenheit aufarbeiten oder die Zukunft abknallen? Wenn wir gerade der Grundschule entwachsen sind, dann steckt die Menschheit doch punktgenau mitten in der Pubertät! Hier lenken und leiten maximal die Hormone, aber doch nicht die Vernunft! Aus eigener Erfahrung kann jeder von uns sagen: Vernunft ist der Antagonist pubertierender Jugendlicher! Warum solls der Menschheit anders gehen?“ Wow, der haut aber rein, der Whisky.

„Da müssen wir jetzt durch …“, sage ich noch, als man mich zum Auto trägt. Es ist wirklich Zeit fürs Bett.

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