Antwortversuch

PP,

zu viel Selbstreflexion ist nicht gut, sagte mal jemand zu mir. Zu viel grübeln ist nicht gut. Zu viel Arbeit ist nicht gut, sagt mein Arzt. Zu viel Leerlauf ist nicht gut, sagt mein Chef. Gute Ratschläge.

Zu viel Selbstreflexion ist nicht gut. Warum denn nicht? Warum nicht endlich mal analysieren, wo die Dinge herkommen, die mich an mir selbst stören, und vor allem warum ich sie nicht ablegen kann. Im Nachhinein erkläre ich mir diese Aussage mit einigermaßen großem Desinteresse an meiner Person, halt: Persönlichkeit. Ich bin das geborene offene Ohr, nicht der sprechende Mund. Ich komme mir selbst immer ganz komisch vor, wenn ich reden darf. Über mich. Und gehe ich später aus dem Gespräch, fühle ich mich noch komischer: Moment, ich war doch aufgefordert zu reden, wieso kippte das Gespräch nach wenigen Sätzen um und ich war wieder ganz Ohr? Warum kenne ich jetzt die Probleme meines Gesprächspartners und hoffe, es geht ihm jetzt besser, jetzt, wo er sich mal ausgekotzt hat? Weil ich es so will und so gelenkt habe. Ich bin es nicht mehr anders gewohnt. Angst vor Liebesverlust, Ansehensverlust, Kontrollverlust –  ins Schwarze getroffen.

Es wäre ungerecht zu behaupten, dass ich mit keinem Menschen auf dieser Welt mein Seelenleben bequatschen kann. Mindestens einen Menschen gibt es, der mich immer wieder ermutigt zu sprechen, oder in unserem Fall: zu schreiben. Wie viel Nähe Anonymität und Distanz schaffen können, quasi grenzenloses Vertrauen, wundert mich jedes Mal, wenn wir uns treffen. An dieser Stelle einen lieben Gruß an eben diesen Menschen, der mich jeden Tag aufs Neue wieder rausholt: Soulsister.

Will ich das ändern? Würde ich wollen, dass alles so bleibt, wenn ich ständig darüber grüble, jammere, reflektiere? Im Moment weiß ich nur das:

Ich bin gebensmüde.

Mme C.

P.S.: Sollte ich mir bis jetzt bereits mehrfach widersprochen haben: Perfect. Eben dafür ist diese Seite auch gedacht.

Advertisements

5 Gedanken zu “Antwortversuch

  1. Gibt es da nicht ne Selbsthilfegruppe? Die anonymen Seelenhelfer oder so was? Ich heißte Gertrund und leide unter Helfersyndrom ;). Eigentlich wär ne Therapie angebracht. Einmal die Woche ne Stunde ambulante Therapie bei einem Psychologen, Psychiater o.ä. Anders kriegste den Psycho-Knoten nicht gelöst. Ich hab mal ein Buch gelesen: „Die Kunst, ein Egoist zu sein“. Habs nem Freund geschenkt, weils nicht mein Ding war: Der hats umgesetzt, wurde der totale Egoist. Wir sind nicht mehr im Kontakt. Aber im Grunde helfen diese Ratgeberbücher nur den Autoren und deren Bankkonto …

    • Denk nicht, ich hätte nicht schon daran gedacht – und nicht deshalb, weil mein Umfeld das auch so sieht. Das muss aber von mir aus, aus mir heraus kommen, die Entscheidung Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und außerdem fürchte ich mich noch vor den Konsequenzen, die ich am Ende des Ganzen vermute. Immerhin tut mir das Schreiben hier gut, so war es gedacht, so geht es jetzt erst mal weiter. Das Schöne ist, dass ich hier niemandem ernsthaft auf die Nerven fallen kann :-)

  2. PS: Aber unter dem obigen Link steht auch, dass vom Helfersyndrom befallene die Unterstützung durch andere ablehnen. Also hab ich schon Verständnis, wenn du meine Intervention nicht ernst nimmst. Es ist ja auch nicht mein Ding, irgendwelchen Leuten irgendwelche Ratschläge zu geben und werd mich da künftig zurückhalten. Was gehen mich andere Menschen an und ihre Probleme? Muss ich da meinen Senf immer dazu geben? Hab ich nicht selbst genügend Probleme und will ich mich von diesen durch fremde Probelme ablenken? Muss ich immer das Arboretum im Wald sein? Warum und wozu? Krieg ich nicht selbst Pickel, wenn ich immer die Pickel der anderen ausdrücke? Denk mal drüber nach.Dir alles Liebe, PP

    • Danke PP.
      Ich habe mir den Link und das Buch noch nicht angeschaut, werde ich nachholen. Ich weiß nicht, ob ich mir selbst ein Helfersyndrom andiagnostizieren würde. In jedem Fall bin ich dankbar für alle Kommentare, und ich bin, wenn ich in mich hineinhorche, tatsächlich auf der Suche nach Hilfe. Es ist nicht nur das Ja-Sagen. Es sind viele kleine andere Dinge. Ältere Dinge. Neue Dinge, die mich im letzten, sagen wir, halben Jahr ereilt haben. Und ich merke, dass ich alleine damit nicht klar komme. Deshalb wollte ich das, was in mir ist, teilen. Mit-teilen. Teilen tut mir gut.

Kommentare? Stets willkommen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s