Seelensiff

Ungewollte, abgelebte Gefühle, nie zu Ende gedachte Gedanken, Worthülsen… das alles warf ich einst hinter mich, in den Abgrund, auf die Seelenmüllhalde. Wird schon verrotten und verschwinden, dachte ich. Anfangs habe ich noch getrennt und schön sortiert. Aber jetzt schmeiße ich alles nur noch blind über die Schulter. Schmerz? Weg damit. Kummer? Ab dafür. Klappe uff, Dreck rin, Klappe zu.

Leider quillt der Müllberg gerade über. Ich habe in letzter Zeit zu viel in der Abfallgrube entsorgt, so schnell kann das gar nicht aufbereitet werden. Aktuell geht die Klappe nicht mehr zu und es stinkt erbärmlich nach altem, rottendem  Seelensiff. Seufz.

Also bin ich mal runtergestiegen, mit einem Stock bewaffnet, und habe etwas im Müllberg gestochert, damit das ganze etwas sackt. Dass wenigstens die Klappe zu bleibt und mir nicht ständig diese ätzenden schmeißfliegenartigen Seelenfragmente um die Ohren surren. Als würde ich in ein Wespennest stechen. Da, jetzt hab ich den Müllsack mit dem Soundtrack der letzten Wochen aufgeschlitzt und der Schmodder strömt nur so heraus … I will make you hurt … Meine Güte.  … We could have had it all …Echt eklig, noch mal mit all diesem Mist konfrontiert zu werden … F*ck you and all we’ve been through … Ich muss gleich kotzen.

Ich könnte eine Schaufel gebrauchen, um die vollgestopften Müllsäcke plattzudreschen. Wenn‘s wenigstens Säcke mit vollgeheulten Taschentüchern wären. Die hätte man auch verbrennen können. Aber nein, viel zu einfach. Ich musste ja das gesamte Inventar eintüten und entsorgen. Filmsequenzen. Buchpassagen. Wort- und Gedankenfetzen aus Briefen und Kurznachrichten. An den Sack da ganz hinten in der Ecke traue ich mich gar nicht erst heran. Die darin verpackten Emotionen quieken sogar noch, die Empfindungen brizzeln und brazzeln vor sich hin wie Zitteraale. Ich wundere mich, dass der Müllsack nicht schon längst geschmolzen ist, so wie das da drin glüht und Funken sprüht. Muss asbesthaltig sein.  Einen Eimer Eiswasser bitte.

Ein kleiner, zugeschnürter Beutel fällt mir in die Hand. Darin puckert es. Leise. Sanft. Herrje, das ist mein Herz, es lebt noch, und ich habe es weggeworfen. Armes geschundenes Ding, man sieht dir deutlich an, dass du strapaziert wurdest. Ich nehme es wieder mit nach oben und werde  es ein bisschen pflegen. Es hat mir gefehlt. Vielleicht werde ich damit wieder etwas mehr ich selbst.

Ein wenig Platz ist jetzt geschaffen, die Klappe geht wieder zu und es stinkt nicht mehr so arg. Ich nutze die Gelegenheit und werfe mein dummes stummes Handy noch hinterher. Das passt jetzt da noch rein. Und das brauch ich, im Gegensatz zu meinem Herzen, ja nun wirklich nicht mehr.

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