Hello Goodbye – edit

Der vorletzte Tag des Jahres 2012. Eigentlich Blödsinn, von „Jahresende“ und „Neuanfang“ zu sprechen – es geht ja doch immer weiter, kein Reset, kein Zurückblicken-und-Bessermachen. Das Rad dreht sich unaufhörlich. Geschehen ist geschehen, wir müssen mit gemachten Erfahrungen und den daraus entstandenen Narben weiterleben.

Ein paar Highlights aus 2012 gefällig? Nicht, dass ich allen Ernstes fragen würde, hier sind sie:

Freundschaft schrieb sich dieses Jahr ganz groß. Unglaublich schön zu spüren, auf wen man zählen kann, und auch, dass man sehr auf mich gezählt hat. Ein Geben und Geben ist Freundschaft. Gute Gespräche habe ich geführt, und mir ist, als könne ich das erste Mal in meinem Leben sagen, ich habe über wirklich alles reden können, was mich beschäftigt. Rar gesät sind solche Menschen, mit denen man am liebsten alles, alles teilen möchte, was sich im Laufe von Jahren in Herz und Hirn angesammelt hat. Und das muss unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhen, sonst ist es ineffizient. Zwillingsseelchen, in diesen Zeilen steckt ein Lächeln ganz allein für Dich!

Premieren gab es dieses Jahr auch, und zwar nicht wenige, ich bin selbst überrascht, dass mein Schatten wohl doch nicht zu groß ist, um drüberzuspringen. Ein wenig als Mut getarnter Leichtsinn, ein wenig Anstacheln von außen, eine Prise neu gewonnenen Selbstbewusstseins, und schon ist man mittendrin statt nur dabei. Seither weicht das „Ich kann aber nicht“ immer öfter einem „Ich probier’s halt mal“, und damit lebte es sich dieses Jahr ganz gut.

Fies ist es, wenn sich eine Katastrophe auf Samtpfoten anschleicht und sich zunächst verschmust und freundlich gibt. Und wider besseren Wissens lässt man sich dann doch vom hypnotischen Schnurren betäuben und reicht der Katastrophe die Hand, in Erwartung weichen Fells und einer rauen Katzenzunge. Stattdessen schlägt sie einem die Krallen ins Fleisch, und erst später, viel später, stellt man fest, dass sie einem die ganze Zeit schon in die Schuhe gepinkelt hat, nur dass man‘s nie bemerkt hat. Oder nicht bemerken wollte.  Wer sein Vertrauen so leichtfertig verschenkt, der verdient es nicht anders.

In dieser Sache hoffe ich einerseits auf persönliche Konsequenzen, die ich gleichzeitig fürchte: ich will nicht mit einem verkrüppelten, enttäuschten Herzen leben, ich will aber auch nicht verletzt werden. Ich setze daher mal auf meine mir eigene Unbelehrbarkeit in Verbindung mit etwas Glück.

Aussichten für 2013: Weitermachen, aber nicht um jeden Preis. Dinge überdenken, und seien sie noch so alt und eingefahren. Neue Wege finden und sie eventuell sogar beschreiten. Noch mehr lesen und lernen. Also raus aus der Routine und rein ins Leben. Ich bin jetzt schon gespannt, was ich in 365 Tagen darüber sagen kann.

P.S.: Ja, ich habe editiert. Manche Dinge benötigen Abstand, um sie klar zu sehen, manche benötigen viel mehr Nähe, um sie zu verstehen. Verstanden habe ich nicht wirklich, allzu klar sehe ich auch noch nicht. Aber ich bleibe optimistisch und setze meine Hoffnung – wieder einmal – auf dieses neue Jahr. Nix zu verlieren – und alles. Man wird es erleben.

Pubertierende Menschheit

Feiertage, Familientage. Vor allem bei der eigenen steht da meist zu späterer Stunde und steigendem Alkoholpegel interessante Konversation auf dem Programm. Hinterher weiß man meistens nicht mehr, wie man überhaupt auf das Thema kam. Ein Reizwort genügt, und das Familienoberhaupt ist in seinem Element. Es geht um Hobbyschützen, Waffenbesitz, Amokläufe und die Menschheit im Allgemeinen. Das Familienoberhaupt, seines Zeichens verbalmilitanter Pazifist, lehnt bekanntermaßen alles ab, was mit Waffen und Kriegsführung zu tun hat. Die ganze Welt müsste man entwaffnen, damit es endlich Ruh‘ und Frieden gibt!

Es wird also diskutiert, über Sinn und Unsinn sportlich inspirierter Zielscheibenschießerei, inwieweit das als akzeptables Hobby gelten darf, ob das Mitglied im Sportschützenclub am Tontaubenschießen an sich oder rein am Waffenbesitz interessiert ist und natürlich, welchen sozialen Hintergrund der neuste Amokläufer in den USA gehabt haben mag. Auch so ein Ballerspielfanatiker? Ich blicke in die Runde. Man weiß es nicht. Wer so nachrichtensatt ist wie wir dieser Tage (und so absolut unpolitisch, das allerdings das ganze Jahr über), der lässt alles aus Radio, Fernsehen und Internet ungefiltert im Nirvana des ohnehin weihnachtsstrapazierten Hirns versanden.

„Zwei Aspekte“, werfe ich, das zweite Glas Sekt intus und nicht mehr allzusehr Herrin meiner Mimik, in den Raum. „Ich hab mal bei so ’nem Ballerspiel zugeschaut, und ich war ernsthaft geschockt. Das war alles so echt! Blut – überall – spritz und sprotz, ich war entsetzt, dass mein Nachbar, ein erwachsener Mensch, sowas macht und das auch noch gut findet! Und andererseits“, das dritte Sektglas folgt meiner Handbewegung auf die andere Seite und schwappt ein wenig über, „meine liebste beste Freundin, Theologiestudentin, ein guter und friedvoller Mensch par excellence, die kürzlich auf der Insel war und in einer Spielhalle ihre Mitspieler mit einer Laserkanone abgeschossen hat und von hundertprozentigem Aggressionsabbau schwärmte! Ich frage mich, ob das nicht irgendwie  doch in uns allen steckt. Aggressionen abbauen, indem wir anderen mindestens mal aufs Maul hauen wollen.“ Auf Ex, das war ein langer Monolog.

Die Diskussion entspinnt sich um das Bildungsstadium, in dem sich die Menschheit derzeit befindet. „Vernunftbegabt,“ doziert das Familienoberhaupt, seines Zeichens selbstgelehrter Philosoph (und Naturtheologe), darf sich heutzutage noch keiner nennen. Die Menschheit ist ja gerade erst der Grundschule entwachsen, wenn ich den Vergleich einmal anbringen darf. Bis die Menschheit erst mal Abitur hat und eine Hochschule besucht, ach! Da vergehen noch … ach!“

„Zunächst mal,“ hake ich ein, das dritte Glas Sekt halb drin, halb auf der weißen Bluse, es ist jedenfalls leer, „wer legt eigentlich fest, dass die Menschheit nach der Grundschule überhaupt ein Gymnasium, besucht und nicht doch die Realschule Plu… Pluus? Ich meine, ein bisschen Praxis ist doch selbst der Philosophie nicht fremd. Weißt schon,“ lallt es aus mir, „Fachkräftemangel und so. Oder besteht die zukünftige Menschheit nur aus Akademikern? Beschwören wir dann Glühbirnen mittels purer Vernunft sich selbst zu wechseln und beheben sich verstopfte Toiletten durch reine Willenskraft?“ Ich weiß, das ist irgendwie ein blödes Argument, aber mein böser Zwilling steht krawallgebürstet hinter mir und hält mir ein Glas Whisky on the rocks unter die Nase.

„Kein Wunder“, setze ich nach, „dass die Menschheit anscheinend so im emotionalen Zwiespalt zwischen Zi… Ziiivilisation und Urtrieb gefangen ist. Ignorieren oder aufs Maul hauen? Die Vergangenheit aufarbeiten oder die Zukunft abknallen? Wenn wir gerade der Grundschule entwachsen sind, dann steckt die Menschheit doch punktgenau mitten in der Pubertät! Hier lenken und leiten maximal die Hormone, aber doch nicht die Vernunft! Aus eigener Erfahrung kann jeder von uns sagen: Vernunft ist der Antagonist pubertierender Jugendlicher! Warum solls der Menschheit anders gehen?“ Wow, der haut aber rein, der Whisky.

„Da müssen wir jetzt durch …“, sage ich noch, als man mich zum Auto trägt. Es ist wirklich Zeit fürs Bett.

Chromatische Kreissägen

Kürzlich hat mir jemand eine besondere Freude gemacht und mir das Clawfinger-Album Deaf Dumb Blind geschenkt. Einfach war es nicht, wie ich erfahren habe, da das Album nicht mehr produziert wird und außer auf eBay nirgends mehr erhältlich ist. Also: doppelt gefreut, ausgepackt, eingelegt und mit kreischenden Gitarren spontane 18 Jahre in meine eigene Vergangenheit gereist. Steigt auf, ich nehme euch mit, und zwar zu einem sonnigen Apriltag des Jahres 1994:

Es ist der erste Tag nach den Osterferien. Auf dem Schulhof tauscht man sich aus, was man so erlebt hat. That strange girl nähert sich mit hängendem Kopf und platzt in unsere Konversation: „Kurt Cobain’s dead“, schnieft sie. „5. April. Kopfschuss.“ Wie wenig mich das gerade interessiert! „Mein Großvater ist gestorben. 29. März, Herzinfarkt. Was interessiert mich der Cobain?“ Das Ereignis hat meine kindliche Welt aus den Fugen geraten lassen. Ich war verwirrt. Fühlte mich alleingelassen und unverstanden, für meine Familie kam das nämlich ebenso überraschend. Das Ableben unseres Mittelpunktes versetzte uns alle in eine Schockstarre. Ich hatte zum Glück eine beste Freundin, die mich in der Folgezeit öfter mit zum neusten Objekt der Begierde nahm: einem Kerl samt Freundeskreis, die sich selbst „Metaller“ nannten. Und so kam ich in Berührung mit – nein, nicht mit Jungs, das sollte leider noch Jahre dauern – nein, mit Metal-Musik.

Selbst noch in der Findungsphase schmissen diese halblanghaarigen Buben also mit Bandnamen um sich, tauschten CDs und bemalten ihre Army-Rucksäcke mit schwarzem Edding. Meine Freundin, die mich wohl eher aus Unsicherheit als aus reinster Nächstenliebe überall mit hin schleppte, und ich begannen also gleichfalls unsere Transformation vom braven Cordblusenmädchen zur Metal-Göre: Schwarz, schwarz und nochmal schwarz, zerrissene Jeans, Zottelpulli und Palischal waren ein Muss. Wundersamerweise kam ich an ein paar Springerstiefel (die ich bis heute stolz hege und pflege). Meine Eltern müssen sich auch gedacht haben, das Kind spinnt. Aber sie waren mit sich selbst beschäftigt und ich war brav genug, um äußerlich nur minimal zu transformieren und die standesgemäßen Metaller-Accessoirs erst anzulegen, wenn ich außer Sichtweite war. Mein Innenleben ging damals sowieso niemanden was an.

Die Nächte schlug ich mir mit MTV und VIVA um die Ohren, und auf den Ohren hatte ich kassettenweise Metal – damals waren mir Differenzierungen ziemlich egal, Hauptsache  es war laut und gitarrenlastig. Und tötete Schmerz und blöde Gedanken. Bei Schulparties standen meine Freundin und ich im zwielichten Halbdunkel, leisteten uns zusammen eine Cola, lästerten über Raver und Girlies und warteten auf die Metalwelle. Dann gab es kein Halten mehr. Headbangen, Haare schütteln, bis die Nackenmuskulatur versagte. Geile Zeiten. Einsame Zeiten.

Und so sog ich alles auf, was ich in die Hände bekam: Clawfinger, Body Count, Chili Peppers, Rage against the Machine, Soundgarden, dann Pearl Jam, Type O Negative, Sepultura … tja, und dann eben auch Nirvana, Hole, Stone Temple Pilots – die Liste ist unendlich. Je lauter, je böser, je lieber. Irgendwie schaffte es die Musik, meine Aggressionen übers Ohr aufzulösen und mich ein liebes braves Mädchen bleiben zu lassen – äußerlich.

Hier also Clawfinger The Truth, Inspiration für die heutige Überschrift. Stellt euch das mal in eurem Kopf unterm Weihnachtsbaum vor, während alle anderen Stille Nacht singen. Das war mein Heiligabend 1994.

Grüße

Vor dem Fest wollte ich unbedingt noch etwas schreiben. Unter anderem natürlich frohe Festtage wünschen – all jenen, die das lesen. Mir fallen täglich so manche Begebenheiten ein, die ich gern in Worte fassen würde, mit-teilen möchte, weil ich Freude daran habe. Ich habe wieder neue Musik im Auto, und ich habe ein neues Buch gestern fertig gelesen. Darüber könnte ich erzählen.  Allein – gerade jetzt in diesem Moment klopft schon der Vorläufer-Weihnachtsstress an meine Tür und mahnt mich, die Uhr nicht aus den Augen zu verlieren. „Du musst noch dies und das und jenes und duschen und Geschenke einpacken und, und, und …“ Das kann nicht der Sinn von Weihnachten sein, und doch ist es jedes Jahr das gleiche. Noch dazu kommt meine melancholische Grundstimmung, die ich seit ein paar Monaten mit mir herumtrage, und sie kratzt heute besonders laut an der Oberfläche. Ich bin selbst schuld. Es gibt Dinge, die ich lieber sein lassen sollte, und ich tue sie trotzdem, obwohl ich weiß, dass es weh tun wird. Mein Plan ist, mit eben diesen Dingen bis zum Jahresende ins Reine zu kommen und 2013 einen Neustart zu wagen. Einen Neustart dahingehend, Hilfe anzunehmen und wirklich daran zu arbeiten, dass es besser wird. Und nicht einfach nur eine mögliche Zukunft in meinem Kopf auszusäen und heranzuzüchten, dann vergessen sie zu gießen und sie welken und sterben zu lassen. Ich habe mich eine sehr lange Zeit nicht so furchtbar gefühlt wie momentan (momentan = die letzten drei Monate). Es ist mir, als wäre ich wieder 15 – und das war keine schöne Zeit! (Außer der Musik, die ich damals gehört und geliebt habe, das muss ich zugeben. Ohne sie wäre ich nicht mehr.) Ja, ich glaube, wenn ich wieder in Ordnung gekommen bin, dann habe ich auch die Zeit und die Kraft, für andere da zu sein. Ich habe keine Weihnachtsgrüße verschickt, keine Karten geschrieben. Ich ziehe mich zurück in die Feiertage, zu meiner Familie, und bin auch fast ein bisschen froh über die abgerauchte Festplatte – …

In diesem Sinne: Frohe Festtage, macht das Beste draus!

So gut …

Da bin ich wieder. Im wahrsten Sinne. Nachdem ich mal wieder ganz tief drin war, hat die letzte Woche mich irgendwie wieder herausgerettet. Und das, obwohl sich Plus und Minus nicht viel genommen haben. Heute ist auch ein wirklich guter Tag. Die Arbeit lief erstaunlich gut, so dass ich sogar auf die geplanten Weihnachtseinkäufe lächelnd verzichtet habe, um noch ein Überstündchen dranzuhängen. Denn morgen ist immerhin auch noch ein Tag. Oder Übermorgen. In guter Gesellschaft arbeitet es sich noch mal so motiviert, und wenn es keine Gesellschaft gibt, dann gibt es Musik – mein MP3-Player ist übrigens über den Jordan gegangen. Doch zum Glück hat mein stinkiges, kleines, lädiertes Handy (ich habe es trotz allem immer noch) eine MP3-Playerfunktion, die mich sehr zufriedenstellt. Meine bisherige Playlist heute:

– Factory of Faith (RHCP) Könnte ich gebrauchen
– Ode to my Family (Cranberries) Ihr seid toll, ich liebe euch
– Chasing Pavements (Adele) Should I give up? Och nö
– Hedonism (Skunk Anansie) Passt nicht. Und passt doch.
– Shake your Hips (The Bosshoss) Sieht sehr lustig aus aufm Bürostuhl
–  In the Dark (Nina Simone) Nichts lieber als das
– … t.b.c.

Und sonst? Die Festplatte meines Laptops hat sich verabschiedet. Blöder Mist. Aber es hat auch was Gutes. Jetzt hänge ich wenigstens nicht mehr allzu sinnlos vorm Internet und warte auf Dinge, die sowieso nie passieren werden. Dafür habe ich gestern endlich wieder ein Buch in der Hand gehabt. Nichts Anspruchsvolles. David Safiers „Happy Family“ – die Kritiken hatten recht, der schwächste Band bisher. Aber eben gut zum Abschalten. Dafür nun kürzliche persönliche Neuentdeckungen, die nur darauf warten von mir gekauft und konsumiert zu werden:

– Carlos Ruíz Zafón „Der Gefangene des Himmels“ Barcelona und Bücher – ich komme!
Carlos Ruíz Zafón „Marina“ Wenn ich schon dabei bin
– Ken Follett „Winter der Welt“ Muss – den ersten Band hab ich schon verschlungen
– Marie-Sabine Roger „Das Labyrinth der Wörter“ Zufallsfund. Ich freu mich drauf.

Die beiden besten Bücher der letzten Zeit waren übrigens Eduard von Keyerlings „Wellen“ und, natürlich „Das dreizehnte Kapitel“ von Martin Walser.

Und das vergangene Wochenende erst! Ein kleiner Urlaub vom Alltag mit guten Freunden in einer, sagen wir mal, etwas gewöhnungsbedürftigen, aber dennoch herzerwärmenden Atmosphäre. Viel gelacht, viel gefreut und – so komisch es klingt – die Abwesenheit gewisser Störfaktoren mehr als genossen.

Soweit, so gut. Was steht bis zum Jahresende noch an?

– Steuererklärung. Wird morgen fertig.
– Kontenwechsel. Heute noch mal kontrollieren, ob’s läuft.
– Weihnachtsgeschenke. Aaaah!
– MediaMarkt. Um Festplattenreparatur/-austausch bitten. Und ein neues Handy kaufen ;)
– Urlauben. Fest eingeplant.
– Äh, ja. Und dann ist das Jahr auch schon wieder vorbei.

Schön, wirklich schön. Das für heute. Reicht ja auch.

Mme C.

Engelchen

Ich glaube tatsächlich an Engel. Ich weiß, dass es welche gibt, bin ich doch gerade die Tage welchen begegnet. Heute auf der Bank, die Dame am Schalter. So freundlich, so nett, und das kurz vor Feierabend. Bis jetzt hab ich den Kontenwechsel nicht bereut, hier wird man wieder wie ein Mensch behandelt. Schick und modern ist eine Sache, Kundennähe eine ganz andere. Dann lieber den Fuß in die kleine, etwas angestaubte Bank auf dem Land gesetzt, wo dennoch alles möglich scheint. Man kennt sich.

Oder die Dame letzte Woche vom Finanzamt. „Ist doch alles kein Problem“ im sympathischen Heimatdialekt. Ich denke, sie hat die verborgene Panik in meiner Stimme auf Anhieb erkannt, und mit ein paar Mausklicks war die Sache vorerst mal erledigt.

Oder die Assistentin meines Steuerberaters. Mit der bin ich mittlerweile per Du, so oft haben wir schon telefoniert, und ich bin Neukunde! Ein Dankeschön jagt das nächste.

Tja, es geht voran, auch wenn es sich an manchen Tagen ganz und gar nicht danach anfühlt. Es muss sich etwas tun, ich muss etwas tun. Und ich tue. Ich mache. Ich weiß, dass noch ein Haufen Arbeit und noch viel mehr Überwindung vor mir liegt, aber heute zumindest bin ich zuversichtlich, auf meinem Weg noch den einen oder anderen Engel zu treffen.

Antwortversuch

PP,

zu viel Selbstreflexion ist nicht gut, sagte mal jemand zu mir. Zu viel grübeln ist nicht gut. Zu viel Arbeit ist nicht gut, sagt mein Arzt. Zu viel Leerlauf ist nicht gut, sagt mein Chef. Gute Ratschläge.

Zu viel Selbstreflexion ist nicht gut. Warum denn nicht? Warum nicht endlich mal analysieren, wo die Dinge herkommen, die mich an mir selbst stören, und vor allem warum ich sie nicht ablegen kann. Im Nachhinein erkläre ich mir diese Aussage mit einigermaßen großem Desinteresse an meiner Person, halt: Persönlichkeit. Ich bin das geborene offene Ohr, nicht der sprechende Mund. Ich komme mir selbst immer ganz komisch vor, wenn ich reden darf. Über mich. Und gehe ich später aus dem Gespräch, fühle ich mich noch komischer: Moment, ich war doch aufgefordert zu reden, wieso kippte das Gespräch nach wenigen Sätzen um und ich war wieder ganz Ohr? Warum kenne ich jetzt die Probleme meines Gesprächspartners und hoffe, es geht ihm jetzt besser, jetzt, wo er sich mal ausgekotzt hat? Weil ich es so will und so gelenkt habe. Ich bin es nicht mehr anders gewohnt. Angst vor Liebesverlust, Ansehensverlust, Kontrollverlust –  ins Schwarze getroffen.

Es wäre ungerecht zu behaupten, dass ich mit keinem Menschen auf dieser Welt mein Seelenleben bequatschen kann. Mindestens einen Menschen gibt es, der mich immer wieder ermutigt zu sprechen, oder in unserem Fall: zu schreiben. Wie viel Nähe Anonymität und Distanz schaffen können, quasi grenzenloses Vertrauen, wundert mich jedes Mal, wenn wir uns treffen. An dieser Stelle einen lieben Gruß an eben diesen Menschen, der mich jeden Tag aufs Neue wieder rausholt: Soulsister.

Will ich das ändern? Würde ich wollen, dass alles so bleibt, wenn ich ständig darüber grüble, jammere, reflektiere? Im Moment weiß ich nur das:

Ich bin gebensmüde.

Mme C.

P.S.: Sollte ich mir bis jetzt bereits mehrfach widersprochen haben: Perfect. Eben dafür ist diese Seite auch gedacht.

Seelensiff

Ungewollte, abgelebte Gefühle, nie zu Ende gedachte Gedanken, Worthülsen… das alles warf ich einst hinter mich, in den Abgrund, auf die Seelenmüllhalde. Wird schon verrotten und verschwinden, dachte ich. Anfangs habe ich noch getrennt und schön sortiert. Aber jetzt schmeiße ich alles nur noch blind über die Schulter. Schmerz? Weg damit. Kummer? Ab dafür. Klappe uff, Dreck rin, Klappe zu.

Leider quillt der Müllberg gerade über. Ich habe in letzter Zeit zu viel in der Abfallgrube entsorgt, so schnell kann das gar nicht aufbereitet werden. Aktuell geht die Klappe nicht mehr zu und es stinkt erbärmlich nach altem, rottendem  Seelensiff. Seufz.

Also bin ich mal runtergestiegen, mit einem Stock bewaffnet, und habe etwas im Müllberg gestochert, damit das ganze etwas sackt. Dass wenigstens die Klappe zu bleibt und mir nicht ständig diese ätzenden schmeißfliegenartigen Seelenfragmente um die Ohren surren. Als würde ich in ein Wespennest stechen. Da, jetzt hab ich den Müllsack mit dem Soundtrack der letzten Wochen aufgeschlitzt und der Schmodder strömt nur so heraus … I will make you hurt … Meine Güte.  … We could have had it all …Echt eklig, noch mal mit all diesem Mist konfrontiert zu werden … F*ck you and all we’ve been through … Ich muss gleich kotzen.

Ich könnte eine Schaufel gebrauchen, um die vollgestopften Müllsäcke plattzudreschen. Wenn‘s wenigstens Säcke mit vollgeheulten Taschentüchern wären. Die hätte man auch verbrennen können. Aber nein, viel zu einfach. Ich musste ja das gesamte Inventar eintüten und entsorgen. Filmsequenzen. Buchpassagen. Wort- und Gedankenfetzen aus Briefen und Kurznachrichten. An den Sack da ganz hinten in der Ecke traue ich mich gar nicht erst heran. Die darin verpackten Emotionen quieken sogar noch, die Empfindungen brizzeln und brazzeln vor sich hin wie Zitteraale. Ich wundere mich, dass der Müllsack nicht schon längst geschmolzen ist, so wie das da drin glüht und Funken sprüht. Muss asbesthaltig sein.  Einen Eimer Eiswasser bitte.

Ein kleiner, zugeschnürter Beutel fällt mir in die Hand. Darin puckert es. Leise. Sanft. Herrje, das ist mein Herz, es lebt noch, und ich habe es weggeworfen. Armes geschundenes Ding, man sieht dir deutlich an, dass du strapaziert wurdest. Ich nehme es wieder mit nach oben und werde  es ein bisschen pflegen. Es hat mir gefehlt. Vielleicht werde ich damit wieder etwas mehr ich selbst.

Ein wenig Platz ist jetzt geschaffen, die Klappe geht wieder zu und es stinkt nicht mehr so arg. Ich nutze die Gelegenheit und werfe mein dummes stummes Handy noch hinterher. Das passt jetzt da noch rein. Und das brauch ich, im Gegensatz zu meinem Herzen, ja nun wirklich nicht mehr.