Versuch(t)ung

Ich bin ein Suchtmensch. Muss ich zugeben. Ein Stück Schokolade? Nein, es müssen schon zwei sein. Zu gut, zu verführerisch. So ist es mit vielem.
Bücher.  Worte und Sätze, die einen vermeintlichen tieferen Sinn in meinem Kopf ergeben, ein Gefühl in mir provozieren, das so intensiv ist, dass es mich dazu treibt noch  mehr aufzunehmen.
Information. Wenn mich etwas interessiert, schlage ich nach, suche, finde, lese weiter, bis ich meine, das Thema von allen Seiten beleuchtet zu haben. Oder bis ich merke, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin. Aber dort finde ich bestimmt schon die nächste Süßigkeit mit Suchtpotenzial. Eine Sucht löst die andere ab.

Aufmerksamkeit. Anders als bei meinen Wortgelüsten und Gefühlsprovokationen, meiner Informationsaffinität und dem Streben, den Geist immer in Bewegung zu halten, bin ich hier aber von anderen Vertretern meiner Spezies abhängig. Das eigene Handeln und die Gedanken zu kontrollieren –  oftmals schon schwer genug. Jetzt habe ich es aber mit Menschen zu tun, die ich nicht im Geringsten kontrollieren, maximal im Ansatz manipulieren kann – was auch wieder nicht in Ordnung ist. Schattenseiten einer jeden Sucht: die mangelnde Kontrolle. Und in dieser Sache ganz besonders.

Was nun, wenn jemand in mein Leben tritt, diese meine Sucht unaufgefordert nährt und es immer weiter auf die Spitze treibt? Der nicht davon ablässt, mich zu beaufmerksamkeiten – ungefragt! – in einer Art und Weise, die schon fast irrsinnig ist. So, dass mein Gehirn sich anfühlt, als stehe es kurz vor der Explosion und mein Körper ob der Überdosis an Endorphinen den Bodenkontakt verliert und sich schon meilenweit im Kosmos wähnt, während meine Gedanken unabwendbar nur auf eines fokussiert sind: Mehr davon. Nicht aufhören. Am anderen Ende muss jemand sitzen, der genau so süchtig danach ist, anders kann ich es mir nicht erklären.

Das bisschen Restverstand sagt mir natürlich, dass es so nicht ewig weitergehen wird. Irgendwann ist mit allem Schluss: Die Waage steht weiterem Schokoladenkonsum kritisch gegenüber, der Geldbeutel verbietet das Anschaffen neuen Lesestoffs. Herbstdepression und PMS blocken süchtigmachende Glücksgefühle ganz von allein – die natürliche Regulierung des Positiv-Negativ-Haushalts. Aber all das kündigt sich an. Gelegenheit bietend, sich langsam mit dem Gedanken ans Aufhören vertraut zu machen, Abschied zu nehmen von etwas Liebgewonnenem. So erlangt man immerhin ein klein wenig seiner Würde zurück, die man mangels Kontrolle in ausufernden Orgien diversester Art, nächtlichen Wortfindungseskapaden, über Bord geworfen hat, wenn die Versuchung zu groß war. Was nun, in diesem speziellen Fall, wenn der Zufluss an Aufmerksamkeit, Euphorieausbrüchen aufgrund so vieler vermeintlicher Gemeinsamkeiten und damit einer ganzen Menge endogener Drogen plötzlich abgedreht wird? Nichts mehr, von heute auf morgen? On/Off, von jetzt auf gleich? … Cold Turkey.

Statt wohlig-warmer Wellen nun kalte, zitternde Hände, die nach dem Handy greifen. Enttäuschung, ein ums andere Mal, statt des fast schon unbewussten Lächelns (unglaublich, welches Gedächtnis unsere Gesichtszüge haben). Walking on Sunshine? – Weit gefehlt… Die strahlende Ausgeglichenheit weicht extremer Gereiztheit, man möchte einfach nur um sich schlagen und irgendetwas zertrümmern. Bevorzugt das dumme, stumme Handy, das einen nächtelang wachgehalten hat und jetzt nicht mal mehr als morgendlicher Wecker taugt. Die Frage nach dem Warum kommt einem beiläufig in den Sinn, aber sie scheint so gar nicht relevant zu sein. Die Tatsache wiegt zu schwer, dass es überhaupt so ist. Egal warum. Fuck you all! schreit jede meiner Fasern. Meine Umwelt scheint sich von mir und meiner misslaunigen Aura zu distanzieren, und ja, ich hasse sie alle, sowieso. Unfair finde ich das. Fahrlässig. Unverantwortlich. Das gehört sich nicht, sowas tut man einfach nicht. Besonders nicht mit mir.

Da steh ich also, entzugsgeschüttelt, seelenentblößt und würdelos im Regen, das Handy immer noch in der Hand. Wort- und wertlos. Ich hatte nie darum gebeten. Überwältigt, überschwemmt wurde ich, ganz ungefragt. Doch ich habe auch nicht abgelehnt, das ist meine Schuld. Es ist einfach so passiert. Und genau so einfach hat es aufgehört. „Komm“, sagt das letzte bisschen Restverstand, das ich nicht aufs Spiel gesetzt habe, legt mir eine Flickendecke aus Erinnerungsfetzen und Vergessenwollen um und deutet auf den freien Platz vor sich auf dem Tiefkühlhähnchen. „Steig auf, wir reiten nach Hause.“

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4 Gedanken zu “Versuch(t)ung

  1. Mir fehlen die Worte um meine Begeisterung zum Ausdruck zu bringen. Das hast Du so genial geschrieben. So bescheiden die zugrunde liegende Situation für Dich auch war, es war die Grundlage für einen ganz tollen Eintrag.

  2. Lieber Sir Alec,
    vielen Dank für deine freundlichen Worte, vorallem danke, dass du einen älteren Beitrag von mir gelesen hast – dieser hier gehört tatsächlich zu meinen Lieblingen, auch wenn, wie du richtig erkannt hast, der Auslöser dafür weniger schön war – dafür lehrreich.

    • Ich habe es schon auf anderen Blogs geschrieben. Es macht einen großen Spaß ein Blog von Anfang an zu lesen und sich dabei ein Bild der Autorin zu machen. Jeder Satz bildet einen kleinen Mosaikstein. Ich überlege wo jemand wohnt, was er arbeitet, etc. Nach einigen Einträgen hat man wie bei einer Prognose zum Wahlausgang bereits ein erstes Bild im Kopf. Dann kommt der nächste Eintrag und ich muss feststellen, dass ca. 90% der Annahmen falsch waren und es geht von vorne los. Bin erst bis zum Januar 2013 gekommen. Es bleibt also spannend.

      • Das gefällt mir, dass du dir die Blogs gerne von Anfang an zu Gemüte führst. Das finde ich auch oft interessant, doch wenn die Fülle der Beiträge einen gewissen Rahmen sprengen … Vielen Dank fürs Lesen, ich habe nicht zu hoffen gewagt, dass mal jeder einzelne Beitrag hier zumindest angelesen wird. und ja, es bleibt spannend – es hat sich viel getan in diesem Jahr – und ich bin froh, dass man mich bisher nicht in eine Kategorie stecken kann.
        Herzliche Grüße!

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