„Das größte Problem …

… in unserer Beziehung wird sein, Liebe und Toleranz zu konsolidieren.“

Diesen Satz hörte ich am Wochenende beim Italiener. Unfreiwillig und völlig aus Versehen, als ich nach einem langen Tag einfach nur in Ruhe zu Abend essen wollte. Ein kleines nettes italienisches Restaurant, formvollendete Bedienung, genau das richtige nach so einem Tag. Da war also dieses Pärchen, das mir schräg gegenüber saß. Ich konnte ihm, Mitte vierzig wohl, sehr groß und mit spärlichem Haarwuchs, dafür mit sehr ausdrucksstarker Mimik, direkt ins Gesicht sehen. Selbiges schob er, deutlich forte, seiner Partnerin, zierlich, blond und ziemlich pianissimo, immer weiter über den Tisch entgegen. Na prima. Gerade Feierabend, und die müssen ihre Beziehungsprobleme im ganzen Restaurant ausrollen. Bei der Lautstärke dieses Konzerts von Vorwürfen war ein Ignorieren kaum möglich, und so erfuhr ich von einem staccato vorgetragenen „Minimalkompromiss“, und dass „Wegwerfen keine Option“ sei (es handelte sich hierbei wohl um ihrer Meinung zufolge weniger formschöne Wohnungseinrichtung). Das wiederkehrend bemühte Bild eines Wasserflecks im Waschbecken nervte zunehmend, weil ich über meinen Spaghetti mit Pesto an den desolaten Zustand meines eigenen Waschbeckens denken musste. Wasserflecken als Beziehungskiller? Was kommt als nächstes?

Der zweite Satz begann espressivo: „Du musst… nein, DU MUSST dich dieser Beziehungskultur anpassen!“ Jetzt erst fiel mir ihr leichter osteuropäischer Akzent auf. Soso. SIE MUSS also. Ihre Argumentation konnte ich aufgrund der zarten Stimme nicht mit verfolgen, dafür sprach er doppelt so laut. Um seine augenscheinliche Überlegenheit zu unterstreichen. Es schien ihm ernst zu sein, denn er machte ein sehr … wichtiges Gesicht. Adagio grave. Das war überaus interessant anzuschauen, wie er immer weiter über den Tisch und ihr ins Ohr kroch, offensichtlich um in ihrem Kopf etwas aufzuräumen, Möbel zu rücken, ihr verbal mal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Aber senza sordino. Auf die deutsche Beziehungskultur eichen. Kein Rallentando in Sicht, im Gegenteil.

Hier stand also eine Beziehung auf dem Prüfstand, gefährdet aufgrund unterschiedlicher Auffassungen von Beziehungskultur, nicht konsolidierter Eckpfeiler des Zusammenlebens und eines Wasserflecks. Was muss Menschen in früheren Beziehungen widerfahren sein, dass sie sich a) so verzweifelt an ihre Überlegenheit klammern um den Partner kleinzumachen, niederzureden und ihre Forderungen auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen sowie b) sich kleinlaut zurücknehmen und um des lieben Friedens willen mitspielen bis zum nächsten großen Knall … Meines Erachtens lief dieses Pärchen im Allegretto capriccioso auf den Abgrund zu.

Das Grande Finale habe ich nicht mehr mitbekommen. Freiwillig. Auf den sonst obligaten Espresso habe ich verzichtet, sonst wäre er vielleicht versehentlich mitsamt vorgewärmter Tasse forte fortissimo auf dem Nachbartisch gelandet. Auf DIE Diskussion hätte ich mich nicht einlassen wollen…

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