Remember, remember …

…  (ich bin gespannt, wie viele Blogtitel heute so lauten werden =)

Der 5. November und ich haben eine ganz besondere Beziehung. Wir lernten uns in meinem ersten Jahr an der Uni kennen. Mein erstes Proseminar, Myths of the English, versprach aufregend zu werden. Und das wurde es. Allerdings anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Bei den Themenvorschlägen für die Hausarbeit schwirrten uns unter anderem die Geister Robin Hoods und William Shakespeares um die Ohren. Schnelle Entscheidungen treffen war noch nie mein Ding, und so überließ ich den Kommilitonen die mythischen Sahnestückchen und schenkte mir damit so manche schlaflose Nacht. Oft genug wachte ich panisch auf, weil ich im Traum vor meiner Dozentin stand und ihr beichten musste, dass ich noch immer kein Thema gewählt hatte. Aufregend, nervenaufreibend, in jeder Hinsicht.

Da stand er nun, The 5th of November mit dem Zusatz Gunpowder Plot, ganz unten auf dem Seminarzettel. Die Faszination des Unbekannten, könnte man sagen, oder einfach unermesslicher und panikbehafteter Handlungsbedarf. Anders ist kaum zu erkären, warum ich mich, bar jeder Ahnung, für dieses Thema einschrieb. Zaghafte Rechercheversuche in der Unibib und im Internet – und das nicht mal zu Hause, sondern ausschließlich im Computerraum der Uni – brachten mich dem 5. November, Gunpowder Plot und Guy Fawkes näher.

Einigen britischen Katholiken, die gedachten während der Parlamentseröffnung am 5. November anno 1605 ihren protestantischen König und nebenbei die gesamte Regierung mit Sprengstoff ins Jenseits zu befördern, ist es zu verdanken, dass die Briten am 5. November alljährlich die Bonfire Night mit Feuerwerk und Straßenparade zelebrieren. Traditionell wird Guy Fawkes, ein Mitverschwörer des 5. November 1605, symbolisch verbrannt – burn somebody in effigy, als hätte es nicht gereicht, hanged, drawn and quartered zu werden. Nicht nur Gedenken an ein schreckliches Attentat, sondern Ventil für alle möglichen Formen der Aversion ist die Bonfire Night, wenn man mal überlegt, wer außer Guy Fawkes so alles in den vergangenen Jahren in effigy verbrannt wurde. Eine Prise Anarchie gefällig? Gar kein so schlechtes Thema, möchte man also denken. Am geistigen Auge ziehen Anonymous-Aktivisten und Occupy-Wall-Street-Demonstranten mit ihren Guy-Fawkes- Masken vorbei. 2005 wurde das Attentat rekonstruiert und auf ITV ausgestrahlt, das hätte echt was hergemacht in meinem Vortrag.

Aber zurück ins Jahr 1999, und zurück zu der kleinen naiven Studentin, die immer noch schlaflose Nächte erlebt, weil sie außer einem Wordsworth-Gedicht (grusel) und John Lennons Song Remember kaum  mehr zu bieten hat. Mir fehlte damals der Mut, tiefer zu gehen, differenzierter zu recherchieren. Wie sahen die Strohpuppen wohl in den 30er und 40er Jahren aus, das wäre mal interessant gewesen. Ein Bezug zum Dritten Reich  zieht ja immer. Nein, ich war naiv, habe vor mich hingestümpert und anstelle einer ordentlichen Recherche Stunden im Keller meiner Eltern damit zugebracht eine Guy-Fawkes-Puppe aus Pappmaché und alten Hemden von Papa zu basteln. Wenn man schon nicht mit Medien umgehen kann (weil man schlichtweg zu unerfahren ist), dann muss eben was anderweitig Spektakuläres her:
Seht, ich habe einen symbolischen Guy Fawkes gebastelt, um mich ganz und gar in den Mythos hineinzuversetzen! Jetzt weiß ich, wie sich ein Fünfjähriger bei den Vorbereitungen seiner Kindergartengruppe zur Bonfire Night fühlt. Eine wichtige Erkenntnis für ein kulturwissenschaftliches Proseminar.

Natürlich, hinterher ist man im besten Fall schlauer. Ich frage mich nur, wie oft man solche Erfahrungen machen muss, bis man sich nicht mehr wie das kleine dumme Etwas fühlt, das vor der Unibib auf und ab läuft, sich nicht reintraut und doch rein muss, um dieses vermaledeite Proseminar zu bestehen. Man muss schon arg verzweifelt sein, wenn man während eines Vortrags eine Pappmaché-Puppe im Plauderton von einer 400 Jahre zurückliegenden Pulververschwörung mit anschließender Hinrichtung wie von einer Kaffeefahrt berichten lässt. Bestanden habe ich mit einer 2. Warum zur Hölle jammert sie denn dann?! – Weil es unprofessionell war. Weil es hätte besser sein könne, wie so oft. Guy Fawkes, der mich wochenlang wie ein Golem aus der hinteren Ecke meines Zimmers beim Stümpern an meiner Hausarbeit beobachtete, bin ich nach dem Seminar zum Glück noch losgeworden, im Büro meiner Dozentin. Sie fand ihn so niedlich und ich war dankbar, das Monster nicht wieder nach Hause schleppen zu müssen. Ich hätte es ohnehin nicht übers Herz gebracht, ihn am 5. November im Garten zu verbrennen.

Mein erstes Proseminar steht heute noch stellvertretend für all die Situationen, aus denen ich hätte mehr rausholen können, aber zu verunsichert war – meiner Selbst nicht sicher -, und die dennoch einen glimpflichen Ausgang fanden. Eine weiche Nostalgie umfängt mich alljährlich zu Novemberbeginn, und dazu ein Flüstern: „Meine Güte, erinnerst du dich…?“ Und hin und wieder, alle paar Jahre, ereilt mich eine Nacht, in der ich panikartig erwache, weil ich im Traum vor meiner Dozentin stehe und ihr kein Thema für das Proseminar nennen kann. Auch wenn das Diplom schon knapp eine Dekade lang über meinem Schreibtisch hängt.

 

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