Böse

Was für ein blöder Tag. Nachts kaum geschlafen wegen irgendwelcher Überlegerei, morgens den Wecker verflucht, ewig im Bad zum Wachwerden gebraucht. Kopfschmerz. Kaffee hat nicht gewirkt, also noch einen Energy Drink hinterher, damit ich auf der Autobahn nicht einschlafe. Gut, freie Fahrt gehabt, früh im Büro angekommen, gleich vom Kollegenbelagert, Kassette ins Ohr bekommen.  Die gleiche wie seit Monaten. Frust, der sich über den Tag bis zum Feierabend hält wie zäher Nebel. Oder Migräne.

Was macht man nach so einem Tag? Man geht zu Rewe einkaufen. Nach Feierabend, natürlich ist der Laden voll. Toller Plan. An der Käsetheke drängt sich eine Frau mit ihrem Wagen zwischen mich und die Auslage. Ich ordere 250 Gramm Gruyère. Die Dame hinter der Theke legt ein abgepacktes Stück auf die Waage. „Dürfen’s auch 195 Gramm sein?“ fragt sie hoffnungsfroh, sonst müsste sie einen neuen Käseblock auspacken und aufschneiden. Kann man ja nicht verlangen, nicht bei Rewe an der Käsetheke. Und da ist er plötzlich. Auf meinen Schultern, wie immer aus dem Nichts. Mein böser Zwilling. „Nein“, höre ich ihn deutlich und bestimmend sagen. Er lotst mich an der Blockade mit Einkaufswagen vorbei, ganz nach vorne an die Auslage. „Ich möchte 250 Gramm“. Ich bekomme Gänsehaut. Mit prüfendem Auge folgt er den Handlungen der Käsedame, die etwas ins Schwitzen kommt beim Auswickeln des vorbildlich eingeschweißten Käseblocks. Schließlich: „228 Gramm, is recht so?“ Mein böser Zwilling windet sich, er hat ja recht, 228 Gramm sind keine 250 Gramm, doch ich halte ihm die Klappe zu. Ich bin müde. „So is recht, vielen Dank!“ flöte ich und ernte eine geschwisterliche Kopfnuss dafür.

Weiter also. Supermarktschlendern kann schon entspannend sein, ich staune immer wieder über die Dekadenz unserer Gesellschaft, die Akazienhonig und Trüffelöl im Supermarkt kaufen können muss. Nachdenklich setzt Frau Landpomeranze ihren Weg fort. Ein Regal weiter beginnt gerade ein Kind zu plärren. Man kennt es: Ein noch harmloses „Buäääh“, gefolgt von einer Pause, in der das Kind Luft holt für weitere, sehr viel lautere Lungenaktivität. Die Pause dauert an. Lange. Ich denke schon, das war’s. Doch da bricht es hervor, das Geplärr eines kleinen Menschen, der glaubt, damit den Schokoriegel oder den Fruchtzwerg von Mama in den Einkaufswagen hinein erpressen zu können. Ich flüchte in den nächsten Gang. Ob ich mich nächste Woche mal so vor den Chef stelle, brüllend und tränenden Auges um, wenn schon keine Gehaltserhöhung, so doch wenigstens eine einheitliche Terminologie auszuhandeln, bevor er den Sicherheitsdienst rufen lässt? Keine gute Idee.

Das plärrende Kind im Einkaufswagen verfolgt mich die Gänge hinab. Egal, welchen Weg ich einschlage, es folgt mir nach, oder es ist schon da. Entspannung adieu. Ich treffe meinen bösen Zwilling am Cerealienregal und er  – sie – suggeriert mir eine wundervolle Szene, in der ich eine Großpackung Haferflocken mit Nüssen und Bananenstückchen aus dem Regal nehme, ihn betont lässig in einer Hand wiegend auf das plärrende Kind zusteuere, es anlächle und ihm dann den ganzen Sack Frühstückscerealien in den Hals stopfe, bis es seinen verdammten Mund hält. Die umstehenden Menschen sind sprachlos. Die Mutter sieht fassungslos auf ihr mundgestopftes Kind hinab. Da wagt jemand, zögerlich und zunächst nur leise, anerkennend Applaus zu klatschen, einige weitere folgen. Bald applaudiert der ganze Einkaufsmarkt, sie skandieren meines Zwillings Namen („Long live the Evil!“) und die Mutter des würgenden Haferflockensacks umarmt mich voller Dankbarkeit.

Geplärr dicht neben mir reißt mich aus dieser Vorstellung. Ich stehe am Bücherregal – doch, tatsächlich. Dieser Supermarkt führt Bücher. Und schon liegt eins in meiner Einkaufstasche. Was soll das? Mein böser Zwilling grinst mich an. Kompensation, lächelt er. Nein, sie, immer noch. „Aber ich hab noch…“ – „Schweig!“ Na gut. Gegen sie bin ich oft machtlos. An der Kasse kann ich überzeugen, dass ich auch an so einem Tag keine Zigaretten brauche, weil ich seit Jahren Nichtraucher bin. Dieses Mal lässt sie mir die Oberhand. Dafür überlasse ich ihr das Steuer und bitte sie lediglich, mich nicht in Schwierigkeiten zu bringen, während sie schon unter ausladender Gestik aufs Gaspedal tritt und sich gerade so den Vogelzeig verkneifen kann. Hallo, das ist eine durch-ge-zo-ge-ne Linie! – Und ich bin dein un-ge-zo-ge-ner Zwilling, antwortet sie. Leb damit.

Die Heimfahrt ist riskant. Viel zu schnell, viel zu dicht aufgefahren, die Musik viel zu laut. Aber geil. Befreiend. Das Hupkonzert hinter mir wird zur Hommage an einen Scheißtag, der am Ende, vollgedröhnt mit Heavy Metal und einem guten Schuss Boshaftigkeit, gar nicht mehr so scheiße aussieht.

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