Klippen umschifft

Naja, eigentlich waren es mehr Klippchen. Nichts Weltbewegendes. Steuerunterlagen. Kontenwechsel. Die üblichen Ärgernisse mit Bank, Telekom, Post. Übrigens habe ich Post von der Telekom bekommen, richtige echte Papierpost! Ich weiß jetzt auch, warum ich seit Jahren nichts von denen gehört habe (per Post, ansonsten wird jeden Monat nur fleißig abgebucht). Die haben immer noch meine alte Adresse und ignorieren nach wie vor konsequent meine Namensänderung. Was soll ich denn noch machen? Zurückschreiben, wie toll ich das finde, dass ich Post bekomme, obwohl ich eigentlich gar nicht existiere, zumindest nicht unter dem Namen und der Adresse? Vor lauter Freude rosarote Zuckerherzchen werfen, auf denen „I ♥ Telekom“ eingraviert ist? Meine Verzweiflung ist grenzenlos, aber ich bleibe mal optimistisch.

Die etwas größere Klippe, die es noch zu umschiffen gilt, ist die drohende Adventszeit. Überall bunte Lichter, Weihnachtsmärkte, mit Menschen vollgestopfte Einkaufsstraßen – und kein Land in Sicht. Weihnachtsfeiern ohne Ende, hier noch mal schnell treffen vorm Jahreswechsel, da noch mal fix ‘nen Termin vereinbaren – als ob man im Neuen Jahr dazu keine Zeit mehr hätte. Kann man nur hoffen, dass wirklich die Welt untergeht, das wär mal was Neues. Und Weihnachten selbst, ich will noch gar nicht daran denken. Jedes Jahr dieselbe Rennerei. Und jedes Jahr nehme ich mir vor, über die Feiertage wegzufahren, egal wo hin, Hauptsache keine Verwandten und kein Gänsebraten. Kannste aber auch nicht bringen, mahnt mich eine innere Stimme. Oh, halt die Klappe …

Anderes Thema: Ich habe meinen Traummann gefunden. Tatsächlich. Ich hab schon nicht mehr dran geglaubt. Er lief mir kürzlich über den Weg. Sah mich aus großen grünen Augen an und zog bei mir ein. Seitdem leben wir in einer herrlichen Symbiose aus kuscheln, kommunizieren und noch mal kuscheln. Mein Traummann liegt mir zu Füßen, im wahrsten Sinne des Wortes, manchmal muss ich aufpassen, dass ich nicht über ihn stolpere. Er bringt mich täglich zum lächeln und fordert dabei nichts, nicht mal Verpflegungskosten habe ich mit ihm! Dabei darf ich ihn mit all meiner Liebe überschütten, die er dankbar annimmt. Man schraubt seine Ansprüche ja gern etwas zurück, wenn man älter wird. Ich kann es akzeptieren, dass ich wohl nicht die Einzige für ihn bin. Aber es macht mir auch nichts aus, wenn er draußen herumstromert, die Nacht über wegbleibt und sein Mittagessen offensichtlich woanders einnimmt. Immerhin ist er kastriert und stubenrein, kratzt und beißt nicht, und das Beste: Wenn ich mal keine Zeit oder keine Lust habe, bleibt er einfach draußen.

Ich liebe Dich, Erdbeernäschen, Schokopünktchen, Gummifüßchen!

Mme C.
(srsly)

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Ich sag ja …

Und zwar viel zu oft. Das muss aufhören. Was bringt es, die Erwartungen anderer zu erfüllen, wenn sie meine Erwartungen ständig enttäuschen? Kann ich überhaupt von jemandem verlangen, dass der- oder diejenige sich für mich genauso ins Zeug legt wie umgekehrt? Andererseits: Muss denn Gutes und Nettes immer mit Gutem und Nettem vergolten werden? Sollte Gutes und Nettes nicht einfach nur gut und nett und wohltuend sein ohne dass man dafür gleich eine Gegenleistung erwartet? So ist es halt, das Menschsein. Wer ständig investiert, will auch irgendwann Ertrag sehen. Ich muss wirklich lernen, mir selbst genug zu sein. Wenn ich mich immer nur auf andere verlasse, bin und bleibe ich verlassen.

Beweist mir das Gegenteil.

¿Qué pasa?

Was geht? Viel geht, vor allem viel in meinem Kopf herum. Am Wochenende saß ich geschlagene vier Stunden zwischen Ordnern und losen Blättern und habe meine Steuerunterlagen zusammengesucht. Fiese Sache, die Steuererklärung, jeder muss, jeder hasst es. Jetzt noch einen Termin bei der Steuerberaterin, weg mit dem Zeug, aus meinen Augen, aus meinem Kopf.

Weitere Überlegungen zur Lebensneugestaltung: Bildungsurlaub. Bisher habe ich das nie genutzt, auch niemand sonst von meinen Kollegen. Wenn man in so einer Firma wie meiner arbeitet, hat man ständig das Gefühl, sich unauffällig umgucken zu müssen, ob einem nicht gerade jemand einen Dolch in den Rücken stößt. Sagen was man denkt? Wähle deine Worte weise, sie könnten, nein, sie werden gegen dich verwendet werden. Alle fürchten, sich mit Forderungen selbst ins Aus zu befördern – selbst wenn sie Anspruch darauf haben. Soweit die Aussichten. Soweit der Plan: Zwei Wochen Sprachkurs in Barcelona, zuvor Bildungsurlaub ins neue Jahr übertragen und beim Chef mal anklopfen, was er davon hält. Gut, das weiß ich bereits, nichts nämlich, aber kann mir das nicht eigentlich egal sein? Kann er mich nicht ohnehin mal kreuzweise?

Aber was anderes, könnte ich das? Zwei Wochen Spanien ohne eine bekannte Menschenseele? Ich habe mich über Jahre hinweg eingeigelt, bin immer den leichtesten Weg gegangen und um alle Hürden herumgeschifft. War auch so aufregend genug. Würde ich das also schaffen? Eigentlich … eigentlich ist nichts dabei. Wirklich nicht. Und trotzdem hab ich jetzt schon Bammel, obwohl noch nichts entschieden ist. Aber ich habe auch so ein dumpfes Gefühl, dass ich es tun muss, um weiterzukommen. Nicht wegen meiner auffrischungsbdürftigen Spanischkenntnisse. Einzig um mir selbst zu beweisen: Ja, du schaffst das. Und zwar ganz allein. Und das sollte mir den Mut geben, auch andere Dinge anzugehen, ebenfalls ganz allein. Nicht immer nur warten, was passiert. Es selbst passieren lassen. Ich lebe nur das eine Mal, und dieses eine Mal muss ich Barcelona gesehen haben.

Heute hätte übrigens Jimmy Hendrix seinen 70. gefeiert. Happy Birthday!

 

Müde Muh…

Es soll Menschen geben, die nicht aus bösem Willen enttäuschen. Es gibt manchmal erklärbare Gründe dafür.  Und selbst nicht erklärbare, nicht in Worte fassbare Gründe sind immer noch kein Indiz, dass es mit schlechten Absichten geschehen ist.  Ich schau in den Spiegel und bedaure es sofort. Müde glanzlose Augen blicken mir entgegen und fragen mich, warum das sein musste. Warum nur hast du so viele dunkle Gedanken mit dir rumgeschleppt in letzter Zeit? Warum musstest du unbedingt deine schlechte Meinung über die Dauer von Wochen kultivieren und anschließend noch überzeugt vertreten, obwohl du dir damit selbst ins Herz geschossen hast? Warum fällt es dir so schwer zu vertrauen? Indem du die Menschen verurteilst, verurteilst du nur dich selbst. Was, andere haben dir wehgetan? Warum hast du überhaupt zugelassen, dass sie dir wehtun? Soso! Die sind also gemein zu dir gewesen. Weißt du, wer die sind? Die sind du. Warum machst du dich so abhängig von denen? Hast du dir nicht selbst etwas zu bieten?

Nun. Weißt du was?
– Ich horche auf. Ein Rat, bitte! Was soll ich tun?

Geh. Mir aus den Augen. Geh und fang noch mal von vorn an. Mach’s besser dieses Mal. Und nein. Du bist kein bedauernswertes enttäuschtes Wesen. Du bist ganz einfach eine blöde Kuh. Aber auch blöde Kühe können dazulernen. Die meisten jedenfalls, Madame Unbelehrbar. Wenn sie wollen.

Toller Tag

Dass in den heutigen Tag am liebsten aus dem Gedächtnis streichen wollte, lag an vielen, vielen kleinen fiesen Begebenheiten, die dieser Tag für mich bereit hielt. Dass ich ihn dann doch nicht gestrichen habe, lag einerseits an der Erkenntnis, dass es Millionen Menschen heute sehr wahrscheinlich sehr viel dreckiger geht als mir. Und ich rege mich wegen Kleinscheiß auf. Tut mir leid, wirklich. Andererseits hellten mir zwei kleine Nachrichten in meinem Postfach kurz vor dem Schlafengehen meine Laune auf. Sehr. Meine Laune strahlte quasi so hell, dass ich kein Licht für den Weg ins Bett brauchte. Und so ist der folgende Beitrag, den ich heute mittag schon als Tagesmotto ausgewählt hatte, doch nicht so ironisch zu sehen, wie ich das gerne gehabt hätte. Ohren auf:

Was mich erheitert hat? Nicht lachen, es hat mich, die Internetnull, einfach total gefreut, dass ich 1) einen ersten Follower auf Twitter habe, und zwar keinen geringeren als Adam Heath Avitable. Yeah. (dass the absolutely inevitable Avitable – Yes, I will defina definitely buy your book, maybe! –  inklusive mir 2.162 Twitterern folgt, ignoriere ich jetzt einfach mal in meiner grenzenlosen Naivität). Und dass ich 2) einen ersten Kommentar für einen Blogbeitrag erhalten habe. Danke dafür.

Ich weiß jetzt echt nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Mme C.
(confused)

Viel zu tun

Viel Arbeit, davon viel Selbstauferlegtes, daher komme ich leider nicht so oft zum Von-der-Seele-schreiben, wie ich das möchte. Und sie wird immer voller … Immerhin gab es gestern erfreuliche Momente. Ein zweites Treffen bei mir – soll ich mich für die Dauer des Projekts einfach mal frech „Ghostwriter“ nennen? –  und damit die Kritik eines ersten Versuchs fielen sehr positiv aus. Im Prinzip sind nur noch ein paar kleine Änderungen gewünscht. Sonntägliches Seelenbalsam.

Die Arbeit, also: mein Broterwerb, lief heute nach einem anfänglichen Tief sehr gut. Ich habe sogar mal ein echtes, gedrucktes Wörterbuch verwendet und ihm damit wieder eine Daseinsberechtigung verliehen. Damals, als arme Studentin, hat es mich ein gefühltes Vermögen gekostet, und darum muss es, anstatt im Regal zu verstauben, einfach ab und zu gebraucht werden – einigermaßen erfolgreich sogar, möchte ich sagen.

Meine Notizen mache ich immer noch handschriftlich, und zwar mit Füller und Rosentinte. Wie dekadent. Aber es wäre zu schade, wenn das vor langer Zeit erstandene Tintenfässchen ebenfalls im Regal, neben dem Wörterbuch, versauern müsste. Ein wenig Dekadenz im tristen Alltag… Ich liebe Rosen. Etwas Frühling mitten im November.

Und es wäre nicht November, wenn hier nichts Nachdenkliches stünde:
Du hast mich aufgehoben, als du zufällig vorbeikamst. Mich eingepackt und aufgewärmt, mir den Sand aus dem Kopf geschüttelt und Hoffnung geben, mich erhöht. Nur leider hast du mich dann in deiner Manteltasche vergessen und nicht gemerkt, dass ich rausgefallen bin … Aber hey. Mit warmen Füßen läuft es sich prima, also mach dir mal keine Gedanken … falls du mich irgendwann vermissen solltest.

Auf in eine neue Woche.

Mme C.
(Monday blue)

Versuch(t)ung

Ich bin ein Suchtmensch. Muss ich zugeben. Ein Stück Schokolade? Nein, es müssen schon zwei sein. Zu gut, zu verführerisch. So ist es mit vielem.
Bücher.  Worte und Sätze, die einen vermeintlichen tieferen Sinn in meinem Kopf ergeben, ein Gefühl in mir provozieren, das so intensiv ist, dass es mich dazu treibt noch  mehr aufzunehmen.
Information. Wenn mich etwas interessiert, schlage ich nach, suche, finde, lese weiter, bis ich meine, das Thema von allen Seiten beleuchtet zu haben. Oder bis ich merke, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin. Aber dort finde ich bestimmt schon die nächste Süßigkeit mit Suchtpotenzial. Eine Sucht löst die andere ab.

Aufmerksamkeit. Anders als bei meinen Wortgelüsten und Gefühlsprovokationen, meiner Informationsaffinität und dem Streben, den Geist immer in Bewegung zu halten, bin ich hier aber von anderen Vertretern meiner Spezies abhängig. Das eigene Handeln und die Gedanken zu kontrollieren –  oftmals schon schwer genug. Jetzt habe ich es aber mit Menschen zu tun, die ich nicht im Geringsten kontrollieren, maximal im Ansatz manipulieren kann – was auch wieder nicht in Ordnung ist. Schattenseiten einer jeden Sucht: die mangelnde Kontrolle. Und in dieser Sache ganz besonders.

Was nun, wenn jemand in mein Leben tritt, diese meine Sucht unaufgefordert nährt und es immer weiter auf die Spitze treibt? Der nicht davon ablässt, mich zu beaufmerksamkeiten – ungefragt! – in einer Art und Weise, die schon fast irrsinnig ist. So, dass mein Gehirn sich anfühlt, als stehe es kurz vor der Explosion und mein Körper ob der Überdosis an Endorphinen den Bodenkontakt verliert und sich schon meilenweit im Kosmos wähnt, während meine Gedanken unabwendbar nur auf eines fokussiert sind: Mehr davon. Nicht aufhören. Am anderen Ende muss jemand sitzen, der genau so süchtig danach ist, anders kann ich es mir nicht erklären.

Das bisschen Restverstand sagt mir natürlich, dass es so nicht ewig weitergehen wird. Irgendwann ist mit allem Schluss: Die Waage steht weiterem Schokoladenkonsum kritisch gegenüber, der Geldbeutel verbietet das Anschaffen neuen Lesestoffs. Herbstdepression und PMS blocken süchtigmachende Glücksgefühle ganz von allein – die natürliche Regulierung des Positiv-Negativ-Haushalts. Aber all das kündigt sich an. Gelegenheit bietend, sich langsam mit dem Gedanken ans Aufhören vertraut zu machen, Abschied zu nehmen von etwas Liebgewonnenem. So erlangt man immerhin ein klein wenig seiner Würde zurück, die man mangels Kontrolle in ausufernden Orgien diversester Art, nächtlichen Wortfindungseskapaden, über Bord geworfen hat, wenn die Versuchung zu groß war. Was nun, in diesem speziellen Fall, wenn der Zufluss an Aufmerksamkeit, Euphorieausbrüchen aufgrund so vieler vermeintlicher Gemeinsamkeiten und damit einer ganzen Menge endogener Drogen plötzlich abgedreht wird? Nichts mehr, von heute auf morgen? On/Off, von jetzt auf gleich? … Cold Turkey.

Statt wohlig-warmer Wellen nun kalte, zitternde Hände, die nach dem Handy greifen. Enttäuschung, ein ums andere Mal, statt des fast schon unbewussten Lächelns (unglaublich, welches Gedächtnis unsere Gesichtszüge haben). Walking on Sunshine? – Weit gefehlt… Die strahlende Ausgeglichenheit weicht extremer Gereiztheit, man möchte einfach nur um sich schlagen und irgendetwas zertrümmern. Bevorzugt das dumme, stumme Handy, das einen nächtelang wachgehalten hat und jetzt nicht mal mehr als morgendlicher Wecker taugt. Die Frage nach dem Warum kommt einem beiläufig in den Sinn, aber sie scheint so gar nicht relevant zu sein. Die Tatsache wiegt zu schwer, dass es überhaupt so ist. Egal warum. Fuck you all! schreit jede meiner Fasern. Meine Umwelt scheint sich von mir und meiner misslaunigen Aura zu distanzieren, und ja, ich hasse sie alle, sowieso. Unfair finde ich das. Fahrlässig. Unverantwortlich. Das gehört sich nicht, sowas tut man einfach nicht. Besonders nicht mit mir.

Da steh ich also, entzugsgeschüttelt, seelenentblößt und würdelos im Regen, das Handy immer noch in der Hand. Wort- und wertlos. Ich hatte nie darum gebeten. Überwältigt, überschwemmt wurde ich, ganz ungefragt. Doch ich habe auch nicht abgelehnt, das ist meine Schuld. Es ist einfach so passiert. Und genau so einfach hat es aufgehört. „Komm“, sagt das letzte bisschen Restverstand, das ich nicht aufs Spiel gesetzt habe, legt mir eine Flickendecke aus Erinnerungsfetzen und Vergessenwollen um und deutet auf den freien Platz vor sich auf dem Tiefkühlhähnchen. „Steig auf, wir reiten nach Hause.“

„Das größte Problem …

… in unserer Beziehung wird sein, Liebe und Toleranz zu konsolidieren.“

Diesen Satz hörte ich am Wochenende beim Italiener. Unfreiwillig und völlig aus Versehen, als ich nach einem langen Tag einfach nur in Ruhe zu Abend essen wollte. Ein kleines nettes italienisches Restaurant, formvollendete Bedienung, genau das richtige nach so einem Tag. Da war also dieses Pärchen, das mir schräg gegenüber saß. Ich konnte ihm, Mitte vierzig wohl, sehr groß und mit spärlichem Haarwuchs, dafür mit sehr ausdrucksstarker Mimik, direkt ins Gesicht sehen. Selbiges schob er, deutlich forte, seiner Partnerin, zierlich, blond und ziemlich pianissimo, immer weiter über den Tisch entgegen. Na prima. Gerade Feierabend, und die müssen ihre Beziehungsprobleme im ganzen Restaurant ausrollen. Bei der Lautstärke dieses Konzerts von Vorwürfen war ein Ignorieren kaum möglich, und so erfuhr ich von einem staccato vorgetragenen „Minimalkompromiss“, und dass „Wegwerfen keine Option“ sei (es handelte sich hierbei wohl um ihrer Meinung zufolge weniger formschöne Wohnungseinrichtung). Das wiederkehrend bemühte Bild eines Wasserflecks im Waschbecken nervte zunehmend, weil ich über meinen Spaghetti mit Pesto an den desolaten Zustand meines eigenen Waschbeckens denken musste. Wasserflecken als Beziehungskiller? Was kommt als nächstes?

Der zweite Satz begann espressivo: „Du musst… nein, DU MUSST dich dieser Beziehungskultur anpassen!“ Jetzt erst fiel mir ihr leichter osteuropäischer Akzent auf. Soso. SIE MUSS also. Ihre Argumentation konnte ich aufgrund der zarten Stimme nicht mit verfolgen, dafür sprach er doppelt so laut. Um seine augenscheinliche Überlegenheit zu unterstreichen. Es schien ihm ernst zu sein, denn er machte ein sehr … wichtiges Gesicht. Adagio grave. Das war überaus interessant anzuschauen, wie er immer weiter über den Tisch und ihr ins Ohr kroch, offensichtlich um in ihrem Kopf etwas aufzuräumen, Möbel zu rücken, ihr verbal mal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Aber senza sordino. Auf die deutsche Beziehungskultur eichen. Kein Rallentando in Sicht, im Gegenteil.

Hier stand also eine Beziehung auf dem Prüfstand, gefährdet aufgrund unterschiedlicher Auffassungen von Beziehungskultur, nicht konsolidierter Eckpfeiler des Zusammenlebens und eines Wasserflecks. Was muss Menschen in früheren Beziehungen widerfahren sein, dass sie sich a) so verzweifelt an ihre Überlegenheit klammern um den Partner kleinzumachen, niederzureden und ihre Forderungen auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen sowie b) sich kleinlaut zurücknehmen und um des lieben Friedens willen mitspielen bis zum nächsten großen Knall … Meines Erachtens lief dieses Pärchen im Allegretto capriccioso auf den Abgrund zu.

Das Grande Finale habe ich nicht mehr mitbekommen. Freiwillig. Auf den sonst obligaten Espresso habe ich verzichtet, sonst wäre er vielleicht versehentlich mitsamt vorgewärmter Tasse forte fortissimo auf dem Nachbartisch gelandet. Auf DIE Diskussion hätte ich mich nicht einlassen wollen…

The Man Comes Around

Wer braucht eigentlich den November? Der goldene Herbst ist vorbei, die Adventszeit lässt auf sich warten, und rundherum ist es nebliggrau, kalt, es regnet – Willkommen, novemberlich-depressive Stimmung. Braucht keiner. Sagt man so. Aber es würde zugegebenermaßen etwas fehlen, wenn man das Jahr so im Gesamten betrachtet. Ein kuscheliger Sonntag zu Hause in leichter oder auch etwas schwerere Melancholie zugebracht, scheint manchmal den Horizont zu öffnen und macht – zumindest mich – empfänglich vor allem für Musik, die gerade so eine Stimmung einfängt. Ich suche derzeit kein Gegenprogramm zu meinen momentan vorherschenden Empfindungen. Ja, ich möchte sogar zeitweise vollkommen darin untertauchen. Zelebrieren. Alles, einfach alles davon erfassen, weil ich hoffe, dass ich auf diese Weise verstehen kann, was da mit mir passiert. Ob das hilft? Ich weiß es nicht.

Meine Sonntagsgedanken widme ich daher heute dem großen Johnny Cash, den ich für sein Alterswerk sehr verehre.  Country-Geschrammel liegt mir eigentlich nicht, ehrlich. Deshalb habe ich Cash bewusst gemieden. Bis ich One und The Mercy Seat kennenlernte, vor etwas mehr als zehn Jahren bei einer Freundin auf einer selbst zusammengestellten CD. Sieben Jahre später, unvergessen, kaufte ich sie mir endlich, American Recordings III: Solitary Man, und damit einen ganzen Sack weiterer Goldstücke. Seitdem habe ich Cash beim Autofahren dabei, so laut es geht, so oft mir danach ist. Wundervoll. Melancholisch. Tröstlich. Ich liebe es.

Nun war ich also auf der Suche nach einem bestimmten Song (nicht von Cash), den ich zur Zeit auch oft höre, weil er sich prima eignet, um seine Aggressionen rauszuschreien und dabei an bestimmte Personen zu denken, denen man mal mit ganz deutlichen Worten sagen möchte, was man von ihnen hält. Leider werden sie’s wohl nie von mir persönlich erfahren. Jedenfalls fand ich dabei dieses wunderbare Lied vom Man in Black, das mich beim ersten Hören schon tief bewegte und im Prinzip das ausdrückt, was ich da gerade spürte: nicht Aggression, nicht der Wunsch jemanden anzuschreien, sondern schlichtweg Verletztsein.

Hurt (American IV: The Man Comes Around)

Es klingt unglaublich, aber es tröstet mich irgendwie. Man nimmt ihm diese Emotionen ohne jeden Zweifel ab. Es fühlt sich so wahr an, so richtig – und gut. Schmerzlich, aber gut. Vielleicht bin ich nun mal mit einer gewissen Grund-Melancholie ausgestattet, die genährt werden will. Cash kann es. Danke dafür.

Mit Sicherheit gibt es bald noch mehr von Johnny Cash zu lesen und zu hören. Ich habe mir nach American Recordings III noch IV und V zugelegt und bin gerade am Durchhören. Mein verfrühtes Geburtstagsgeschenk an mich selbst.

Mme C.
(sonntagsentspannt)

Cold Standby

Mir kommt es so vor, als hätte es auf meiner Hauptplatine einen Kabelbrand gegeben – es schwelt immer noch, Brandgeruch liegt in der Luft. Irgendein Kurzschluss hat sich ereignet, Auslöser war vermutlich ein völliger Overload, ne Menge Überspannung, sozusagen. Wie bei komplexen Systemen üblich, ist die eingebaute Redundanz nach einem kurzen vollständigen Ausfall eingesprungen, aber mehr schlecht als recht, möchte ich behaupten. Ich hab die auch noch nie gebraucht. Ich glaube, die Leiterbahnen sind da nicht korrekt verdrahtet, hätte ich das Teil besser mal vorher ausprobiert, bevor wirklich was kaputt geht. Momentan scheint so gut wie alles im Energiesparmodus zu laufen. Die wichtigsten Programme arbeiten einigermaßen stabil, wobei „Daily nutrition“ auffällig mehr Ressourcen belegt als zuvor. Applikationen wie „Melancholy 3.0“ und „Self-doubt 1.1“ poppen immer wieder auf, obwohl ich dachte, ich hätte sie kürzlich dauerhaft von der Festplatte entfernt. Meine im Laufe der Jahre sehr teuer erstandene Version von „Contenance Premium Deluxe“ muckt bei jeder Gelegenheit und bringt mich oft in unmögliche Situationen. Und irgendwie kriege ich diese dämlichen Cookies nicht gelöscht, die mich bei jeder Suchanfrage immer wieder in dieselbe Sackgasse schicken. Ich weiß nicht, wie oft ich diese eine Schublade ein ums andere Mal aufgezogen und wieder zugeschoben habe, und es kommen immer noch Dämonen daraus hervor. Ich finde, da muss dringend was an der Konfiguration geändert werden. Leider habe ich wohl während des Totalausfalls meine Kontaktliste versehentlich gelöscht und damit die Nummer des Systemadministrators, der vielleicht in der Lage wäre, zumindest eine Schadensbegrenzung durchzuführen.

Abgebrannt ist abgebrannt. Kann man nur hoffen, dass die Ersatzplatine bald von selbst lernt, sich an die Systembedingungen anzupassen, damit es endlich wieder normal und störungsfrei vorangeht.

Ach so, die Telekom hat wieder angerufen …  Ich war so überrascht, dass ich nicht mal gleich wieder auflegen konnte. Der Mensch am anderen Ende war unglaublich freundlich und sprach darüber hinaus so sympathisch Kölsch, ich war fast amüsiert. Auf die Frage „Spreche ich mit Frau A.?“ musste ich sogar lachen und rief in den Hörer „Na-haaain!“ Meine Güte, ich muss jemanden finden, der mir schnellstens die Ersatzplatine richtig anschließt, das ist ja peinlich …