Der längste Monat ist der Januar

Ganze 31 Tage zählt er, der erste Monat des Jahres. Dennoch kommt er mir seit langer Zeit sehr viel länger vor als jeder andere Monat. Ich vermute, es liegt daran, dass man im Dezember so sehr auf das Jahresende hingearbeitet hat, um an den Feiertagen, dazwischen und vielleicht über ein kleines Urläubchen danach die Füße hochzulegen. Dass es meistens anders kommt, ist ja hinlänglich bekannt. Oder hat sich schon mal jemand im Weihnachtsurlaub wirklich entspannt? Und schon prügelt der Januar wieder los, es hagelt neue Projekte, neue Arbeit und vor allem ist da noch all das Liegengebliebene, was man mehr oder weniger sorglos aufs Neue Jahr verschoben hat.

Mein Januar begann deshalb mit ein paar Tagen Urlaub, die ich aufgrund längerer Abwesenheit noch nehmen musste, damit sie nicht verfallen. Einfach schön, mal nur auf der Couch zu liegen oder in der Badewanne, endlich wieder Bücher zu lesen, vielleicht ein kleiner Ausflug … Aber nein, auch JB hat so ein Gedankenkarussell im hübschen Köpfchen, sodass diese Entspannungsphasen mehr dazu genutzt wurden, neue Pläne zu schmieden – Hallo? Nachwuchs als einziges Jahresvorhaben? Nicht mit uns! Wir haben eine Menge aufzuholen, zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich das Resultat dieser 31 Januartage vor mir sehe.

Ich bin dieser Tage so zufrieden mit mir wie gefühlt noch nie. Was ich anpacke, gelingt. Weil ich es anpacke, und nicht ausharre und warte, was sich von selbst erledigt (das ist nämlich genau nichts). Und es ist so leicht! Seit die Gesundheit sich dazu entschlossen hat, wieder ihren vertrauten Job stabil auszuführen, sind meine Gedanken endlich frei für all die vielen neuen Dinge, auf die ich Lust habe, auf die ich so lange gewartet habe. Die jetzt Schlange stehen und abgearbeitet werden wollen. Plus: Ich habe jetzt einen JB, der ganz ähnlich tickt und ebenso voller Tatendrang steckt, so dass wir quasi fast das Doppelte von all dem schaffen könnten, was wir beide erreichen wollen. Aber ein bisschen Luft zum Ausspannen muss natürlich auch gegeben sein. Insgesamt fühlt sich der Januar des neuen Jahres sehr gesund und reich an.

Und das ist gut so. Ich weiß nämlich nicht, wie lange ich noch „voll Stoff“ geben kann. Aber es erleichtert mich sehr, zu sehen, dass mit der richtigen Motivation alles so läuft, wie gewünscht. Das macht mir Mut, dass ich in ein paar Monaten doch nicht kopflos zur Mama-Maschine mutiere, sondern vielleicht ein klitzekleinwenig Organisation aufrecht erhalten kann, ein winzigbisschen Souveränität, ein ganz kleines Bisschen Herr meines Lebens bleiben darf. Lassen wir uns überraschen.

Es kann natürlich passieren, dass hier die nächsten Wochen oder Monate gar nichts mehr in meinem schönen Gärtchen gedeiht, was ich für euch pflücken und hübsch arrangieren könnte, wenn die Welle wahrgewordener Träume heranrollt und es nach dem Planen ans Realisieren geht.

Nur so viel: Heute habe ich, weil sonst nichts mehr zu erledigen blieb, meine Steuer gemacht, aus lauter positiver Verzweiflung über den vermeintlichen Stillstand. So früh war ich noch nie dran…

Schon Dezember!

Nun ist er da, der letzte Monat des Jahres. Es wird höchste Zeit, wieder etwas zu schreiben. Gedanken habe ich genug, Zeit und die Ruhe dafür nicht ganz so. Aber ich nehme sie mir, zumindest ein bisschen, jetzt.

Nein, tatsächlich bin ich gerade ein wenig vollkommen sprachlos angesichts der vielen guten Dinge, die mir im Moment begegnen. Hatte ich zu Beginn des Jahres noch gehadert mit meiner Gesundheit, meiner schlechten Laune und einigen Menschen in meinem näheren Umfeld, über die ich mich kolossal geärgert habe, so scheint 2016 ziemlich genau in seiner Mitte einen Schnitt gemacht zu haben und überschüttet mich jetzt mit kleinen und größeren Glücksmomenten. Sand und Muschelschalen. Sonnenglitzer auf dem blauen Meer. Zweistreifige Bestätigung einer Gewissheit, die schon so viel tiefer verankert war, dass es das Ding gar nicht gebraucht hätte. Eine fast wahnsinnige Trendwende. Abgesehen vielleicht von den knapp drei Monaten, in denen ich nicht viel mehr als mein Bett und das kleine blaue Eimerchen vor mir sah, ein paar besorgte Anverwandte und durchweg freundliches und einfühlsames Krankenhauspersonal. Aber auch da blitzten immer mal wieder kleine goldene Glückskügelchen hindurch.

Besonders schön war es, kürzlich einen alten Freund wiederzutreffen. Wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren und sind fast ebenso lange befreundet – wobei diese Freundschaft wie ein zartes Pflänzchen von Jahr zu Jahr erst wachsen musste. Wir pflegen sie mit möglichst jährlichen Treffen, ab und an einem Brief oder einer E-Mail zwischendurch seit meinem Abitur, das ich bei ihm einigermaßen zufriedenstellend abgeschlossen hatte. Aus meinem ehemaligen Lehrer ist im Laufe der Zeit ein guter Freund geworden. Mit einigen durchlaufenen Lebenssituationen, die er aufgrund seines Alters schon längst hinter sich hatte, und mit einer fast zeitgleich gemachten, leider nicht besonders schönen Erfahrung näherten wir uns immer weiter an, so dass ich heute von einem guten freundschaftlichen Verhältnis auf Augenhöhe sprechen kann. Unser Treffen dauerte daher viele Stunden, in denen wir abwechselnd erzählten, von früher, von der Zukunft, so dass ich am Ende beseelt zu Hause ankam, voller Dankbarkeit für diesen schönen Abend. Ich verglich mein Bild von meinem ehemaligen Lehrer mit dem meines heutigen Freundes und befand, dass ich mit der Zeit viele Kapitel über ihn lesen durfte, und dass er als Protagonist dieses „Buches“ mittlerweile ein ganz anderer ist, als im ersten oder zweiten Kapitel noch, im Schulsaal, 9. Klasse, mit der üblichen, nötigen Autorität und den Macken, die man einem Lehrer eben andichtet. Ein bescheidener, hochgebildeter und sensibler Mensch. Ich bedaure Generationen von Schülern und andere Menschen, die dieses Buch wahrscheinlich nie lesen werden.

Und schon geht es auf Weihnachten zu. Der übliche Stress steht vor der Tür, weniger der Geschenke wegen – im Hause Contraire wird es keine geben, nur für die kleinen Mitbewohner, und ansonsten wird Madame wieder ein paar hübsche Dinge zusammenrühren und mit dem Siegel „homemade“ an ihre Lieben verteilen. Dennoch, Termine allüberall. Und trotzdem ist mein Blick eingetaucht in schimmerndes Gold, mit funkelnden Streuseln und Kerzenschein. Es hat eine Menge aufgeholt, dieses Jahr, das so schwach begonnen hat.

Eigentlich ist jetzt alles gut, oder? Oder fehlt noch etwas?

Glückswellen

Glückswellen

Zwei Worte

Zwei Worte. Nicht diese oder jene nämlichen drei berühmten Worte, obwohl das natürlich auch irgendwie alles zusammen hängt. Zwei Worte also, und ein Zwiespalt, wie sie tausend nicht verursachen könnten. Aber nur gefühlt. Gefühlt und ganz persönlich.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, aber das nicht ausschließlich auf Gefühlsebene. Der Körper hat einen großen Anteil daran, vor allem, wenn es um die Talfahrten geht. Und da reißt er die Seele oft mit. So ein Mittelding, so irgendwo zwischendrin, das gab es auch manchmal. Aber meist wechseln sich kurzzeitige Superhochs mit langwierigen Supertiefs ab.

Seit ein paar Tagen sehe ich wieder Land. Muss ja, es wurde mir von allen Seiten prognostiziert, und auch wenn ich es zeitweise nicht glauben konnte oder wollte – ich hoffe einfach, dass die breite Masse einfach mal recht hat damit. Hoffnung in allen Dingen, es gibt keine andere Option.

Alles hat seine zwei Seiten. Zwei Worte, zwei Seiten, pro und kontra, plus und minus. Und so wird das auch bleiben. Obwohl das Plus überwiegt. Sollte zumindest. Natürlich überwiegt es, hätte ich, hätten wir sonst diese Situation bewusst und sehenden Auges herbeigeführt? Habe ich nicht immer daran geglaubt, dass alles seine Zeit hat? Nun ja, ein wenig Selbstüberredungskunst hat das erfordert, was an meiner übermäßig ausgeprägten Ungeduld liegt. Die ist aber in den letzten 12 Monaten durch eine harte, und doch erfolgreiche Schule gegangen und wurde letzten Endes nun belohnt. Mit zwei Worten, einem Zwiespalt, dessen Tendenz aber immer deutlicher zutage tritt, je mehr Zeit vergeht, und dem langsamen, wirklich langsamen Begreifen, dass hier das Glück sich seinen zähen, goldenen Weg bahnt. Auch wenn es sich zum Kotzen anfühlt.

Erforderlich für die kommende Zeit ist – Ironie des Schicksals – noch mehr Geduld. Und zukünftig noch eine ganze Schippe mehr davon. Aber wir werden belohnt werden. Das weiß ich einfach. Oder rede es mir ein. Oder die breite Masse tut es. Egal. Es gibt kein Zurück. Zum Glück.

Ihr Lieben, die ihr hier lest und euch vielleicht schon fragtet, was aus der ollen Madame geworden ist: viel geht im Moment nicht, aber ich bin noch da, ich möchte und ich werde wieder präsenter sein, sobald es mir möglich ist und die Inspirationsquellen wieder sprudeln. Was sie allerdings von sich geben werden, und in welcher Form, kann ich heute noch nicht sagen.

Ach so, die zwei Worte. Damit niemand, der bis hierher nur Bahnhof verstanden hat, weiter im Dunkeln tappen muss: Hyperemesis gravidarum. Nicht schön, überhaupt nicht. Und so wundervoll, ihr glaubt es nicht.

Schluss¦aus, aber wirklich!

Er hatte gestern Geburtstag. Ich habe nicht gratuliert. Nicht per Nachricht, nicht mal auf dieser Plattform, die mich mehr nervt als sie mir nutzt. Endlich mal konsequent sein, denke ich mir. Es ist zwar nicht so, dass wir uns je gestritten hätten. Dass wir uns gegenseitig etwas Schlechtes gewünscht hätten – außer das eine Mal, als ich schon längst JBs Bekanntschaft gemacht hatte. In seiner Vorstellung sind alle Männer nach ihm völlige Idioten. Diese Vorstellung war es letztlich, die mich vertrieb. Also, konsequent keinen Kontakt mehr halten, auch nicht aus Mitleid. Er ist wieder Single, aber das sollte mich am allerwenigsten interessieren.

Es ist wirklich nicht so, dass ich ihn vermisse. Der Gedanke an ihn ärgert mich vielmehr. Ich denke, schuld sind einfach die vielen alten Dinge, die mir jetzt, bei der Renovierung, wiederbegegnen, die kleinen Erinnerungsstücke, die zu meinem Leben gehören. Und vielleicht ist es auch der Blick in die Zukunft. Der mich ermahnt, dass es endlich, endlich Zeit ist, den Schlussstrich zu ziehen. „Okay“, sage ich zur Zukunft, „du hast ja recht. Gib mal den dicken schwarzen Stift, ich zieh ihn jetzt. Den Schlussstrich. Und hepp!“

Das war leicht, verdächtig leicht. Ich schraube die Kappe wieder auf den Stift. Als ich aufblicke, steht JB vor mir und meint: „Es kann doch auch mal leicht sein im Leben. Es ist nicht alles nur kompliziert.“ Ich stimme dem einfach mal zu. Und während die dicke schwarze Linie trocknet und der Geruch von Schlussaus-und-Ende allmählich verfliegt, beschließe ich, dass ab dem gestrigen Datum einfach alles anders ist. Alles neu. Jetzt aber wirklich: Hallo Zukunft!

Rosenregen

Rosenregen

Re¦novierung

Es ist schon dunkel draußen. Fast Schlafenszeit. Ich betrete noch einmal den leeren Raum. In seiner Mitte drehe ich mich um die eigene Achse, betrachte die kahlen Wände. Bahn um Bahn habe ich die alten Tapeten entfernt, sorgfältig, eine nach der anderen. Ich weiß gar nicht, wie lange ich gebraucht habe. Es kam mir nicht lange vor. Ich weiß nur, dass es damals eine schiere Unendlichkeit gedauert hat, die Tapeten an die Wand zu kleben. Der erste Raum. Das erste Mal tapezieren, voller Motivation und voller Hoffnung. In rot.

Die Ernüchterung folgte bald auf dem Fuße. Ganz so leicht war es doch nicht, nur mit Motivation und Hoffnung. Fehler passierten, das ist auch gar nicht schlimm, daraus lernt man nur. Dachte ich. Aber jeder geht anders mit Fehlern um. In diesem Raum prallten zum ersten Mal Welten aufeinander. Am Ende, eine schiere Unendlichkeit später, hatten wir es aber geschafft, alle Fehler ausgebügelt, alle unsicheren Stellen perfektioniert bis in die kleinste Ecke. Kein anderer Raum im Haus repräsentierte die Beziehung besser als dieser: Alles Fassade.

Und nun ist der Raum wieder leer, die Wände kahl. Man erkennt noch Farbspritzer von vorangegangenen Renovierungen, lange vor meiner Zeit. Der Mond scheint zum Fenster herein. Ich habe das Bedürfnis, mit den Händen über die rauhen Wände zu wandern. Die Spachtelabdrücke zu erfühlen, die vor vielen Jahren entstanden. Die kaum wahrnehmbaren Ausbuchtungen. Ein altes Haus und seine liebenswerten kleinen Macken. Wieder am Anfang. So hatte es begonnen. Mit nackten Wänden, ein sanfter Geruch von angefeuchtetem Stein, rauh und gleichzeitig glatt unter meinen Händen, pure Nostalgie. Eine Liebkosung, einmal über alle vier Ecken. Noch einmal von vorn, noch einmal nackt und leer. Bereit, wieder neu mit Hoffnung bespannt zu werden.

Was ist das für ein Gefühl, das da in mir aufgeht ? Stolz? Sentimentalität? Ich weiß, welches Kleid die Wände schon morgen erhalten sollten. Aber ich weiß nicht, wie lange ich davon haben werde. Seit viel zu langer Zeit befinde ich mich in einer Warteposition, in der nichts geschieht und das Warten wie zähes Wachs von der Decke tropft und mich lähmt. Doch nun kommt Bewegung ins Spiel. Ich kann einfach nicht verharren, ich muss meine Hände bewegen, ich muss etwas tun. Nur so bewegt sich etwas. Und das tut es. Zwar liegt das Ziel noch im Nebel, aber es nimmt langsam, ganz langsam Konturen an. Und deshalb bespanne ich die nackten Wänden wieder mit Hoffnung, rein und weiß, und sehe dann, was daraus wird. Es ist nie verkehrt, sich zu bewegen, etwas zu er¦schaffen.

Wie lange? Ich weiß es nicht. Und ich versuche auch nicht darüber nachzudenken. Jetzt ist jetzt. Und Morgen kommt, ganz bestimmt. Das aufkeimende Gefühl, was es nun auch sein mag, lenkt meinen Blick zu einem Bleistift auf der Fensterbank. Ich schreibe meinen Namen an eine der vier Wände, in Kopfhöhe. Da steht er nun. Ich. Und da werde ich bleiben, unter der neuen Tapete, unter der neuen Farbe, die irgenwann später von irgendjemandem aufgetragen werden wird. Die Wand trägt meinen Namen, auch wenn ich schon lange nicht mehr hier wohnen werde.

Nostalgie

In Zeiten täglicher Schreckensmeldungen sehne ich mich schlichtweg, wie viele andere, nach guten Nachrichten. Nach ein wenig Schönheit. Schönen Gedanken.

Eine besondere Freude hat mir mein Vater kürzlich gemacht. Nach einem langen Geburtstagsabend, die Verwandtschaft war längst schon gegangen, saßen wir, JB und ich, noch am Tisch und lauschten den alten Geschichten. Wir lieben beide alte Geschichte(n), muss man dazu sagen. So fanden wir uns unverhofft vor Vaters alter Plattensammlung wieder. Sie hat lange kein Tageslicht mehr gesehen, war vergessen und verstaubt, und nun offenbarte sie uns tatsächlich so manche vinylgewordene Schätzchen.

„Ich hab noch so ein Gerät. Und einen Verstärker. Bring ich euch morgen mal vorbei, wenn ihr wollt.“ Selbstverständlich wollten wir. Die Gedankenreise begann noch in derselben Nacht: Ein Schallplattenspieler, kombiniert mit einem Kassettendeck (ein einziges Ungetüm) hatte schon früh Einzug in mein Kinderzimmer erhalten dank der technik- und musikaffinen Eltern. Kinderlieder und Märchen-LPs liefen darauf, bevorzugt zur Schlafenszeit, aber auch immer, wenn ich in meinem kleinen Zimmer spielte, malte und bastelte. Das schwarze Ungetüm, vor dessen Abschaltmechanismus ich mich des nachts immer fürchtete (weil so laut) und das ich bald spielend bedienen konnte, es wurde mein bester Freund. Meine Geschwister waren ja noch nicht geboren. Ich lebte in der Welt von König Drosselbart, Plumpaquatsch und Ivanhoe.

Später kam der erste CD-Player und eine neue Anlage. Das heißt, neu waren all diese Dinge nie, denn mein Vater bezog seine Sammlerstücke oft günstiger gebraucht. Silbern war der Verstärker, das Kassettenteil und der Tuner, ein wenig retro, ein wenig futuristisch und vor allem: massiv schwer. Ich war unheimlich stolz und wollte es lange nicht hergeben. Leider nagte der Zahn der Zeit an den 70er-Jahre-Geräten, und irgendwann zog ich aus ohne meinen vielgeliebten Silberklotz mitzunehmen. Man lobte nämlich mittlerweile Dolbi Digital über den grünen Klee, mein damaliger Mitbewohner kratzte seine Ersparnisse zusammen, und von da an rumpelte es aus den Ecken beim DVD-Abend, wummerten die Bässe durchs Haus, wenn ich mich allein wähnte.

Diese Technik zog mehrfach mit uns um, wurde unvernünftigerweise und hingegen aller Einwände sogar mit auf Festivals geschleppt, und daher klebt noch heute ein Rest Zeltplatzmatsch an einem der verbeulten Lautsprecher. Drauftreten sollte man nämlich nicht. Der Mitbewohner verzichtete bei der Aufkündigung unseres gemeinsamen Wohnverhältnisses auf die Anlage, auch wenn ich beteuerte, sie nicht behalten zu wollen. Wahrscheinlich lockte die nun aktuelle Technik mehr, als die Möglichkeit ein paar Kröten zu sparen. Letztendlich brauchte ich es wirklich nicht. Der Fernseher, beziehungsweise die Empfangseinheit, ging schon vor über zwei Jahren während eines schweren Gewitters über den Jordan. DVDs kann ich damit noch anschauen, aber ich tue das nur sehr selten (wahrscheinlich erst wieder, wenn die neue Staffel von Sherlock käuflich zu erwerben ist). Die restliche Beschallung erfolgt nun noch über meinen kleinen Laptop.

Erfolgt? Erfolgte! Nach einer kurzen Testphase steht nun ein wunderschöner alter Plattenspieler in meinem Wohnzimmer auf einem eigens freigeräumten Platz, der passende Verstärker daneben, die schwarzen Boxen auf Hochglanz poliert:

Und das Beste, all das ist noch älter als ich, stammt aus der Zeit Ende der 60er Jahre. Noch bin ich dabei, die vielen LPs zu sichten, die mein Vater nicht mehr haben will – eigentlich waren die alle gar nicht von ihm, sondern von einem Freund, der seine Sammlung damals, als die CDs aufkamen, einfach verschenkt hat. Gut für uns, denn ausschließlich Klassik und deutscher Schlager wäre uns auf die Dauer irgendwie ein wenig einseitig, so sehr ich Wagner und Mozart auch schätze. Diana Ross‘ Erfolgsalbum ist dabei, Soul, Sixties, Eighties – und die Märchen-LPs habe ich auch mitgenommen. Zurück ins kleine Kinderzimmer zu meinem schwarzen Ungetüm, zurück zur Gänsemagd, dem kleinen Muck und einer absoluten Unkenntnis von Angst, Terror und Gewalt.

 

P.S.: Gestern habe ich bei meinen Eltern auf dem Speicher einige persönliche Dinge aussortiert und vieles entsorgt. Dabei fand ich noch ganze drei Kartons voller Briefe und kleinen Zettelchen, die man sich früher während der Schulstunde geschrieben und von einer Ecke des Klassenzimmers in die andere weitergereicht hat (das funktionierte!). Einige andere Schätze traten dabei noch ans Tageslicht. Kurzum, ich könnte mir vorstellen, dass hier bald noch mehr über nostalgische Gefühle und Madames Jugend zu lesen sein wird!

Plage noire

Das Meer macht alle Dinge so gleich. So weich. So herrlich schön.
Am schwarzen Strand.

Ein Ort, der um diese Zeit noch ruhig ist. Fast still. Nur Meeresrauschen. Und auch das ist sanft, als ob die Bucht und ihre Felsen jedes Geräusch abfangen, schlucken, dämpfen. Ein Friedhof für alles, was einmal lebte. Glatt geschliffen, sanft und schön. Der schwarze Sand ist durchsetzt mit den fein gemahlenen Überresten einstiger Meeresbewohner. Ein Mosaik früheren Lebens, ein schwarzbuntes Bild aus Lavastein und Vergänglichkeit.

Ich könnte stundenlang hier sitzen, den Blick fern auf die schroffen Felsen, umringt von hohen, wellenförmigen Gesteinsablagerungen. Eine drohende Festung, ein sicherer Ort. Sonnenwarm.

Ich senke den Blick. Die Füße im Wasser, der verwunschene Sand rieselt durch meine Hände. Schwarzbunt und voller Kostbarkeiten. Schön. So herrlich schön. Hier, am schwarzen Strand.

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P.S.: Ich habe den Text ein wenig editiert. Im Anbetracht kürzlicher Geschehnisse kam es mir im Nachhinein sehr unangebracht vor, das Thema Tod zu idealisieren. So war es auch nicht gemeint.

„… da hab‘ ich sie einfach vorgelassen.“

Wir sitzen am Wasser und trinken Fassbrause. Der Fluss zieht mit hoher Geschwindigkeit an uns vorüber, Hochwasser nach den starken Regenfällen, und kein Ende in Sicht. Ich denke daran, dass die 26 Jahre, die wir uns jetzt kennen, zum Teil genau so schnell vorübergezogen sind. 15 davon haben wir uns nicht mehr gesehen, aber ich spüre es kaum, selbst in diesem Moment nicht, in der kurzen Gesprächspause, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt. Wir haben uns viel zu berichten, es füht sich an wie ein halbes und noch ein halbes Leben, das wir uns in den letzten drei Stunden zusammenerzählt haben.

Wir haben zusammen Abi gemacht. Danach ging jeder seiner Wege, ohne jemals groß zurück an die Abschlussklasse zu denken. Wir haben beide relativ wenig Kontakt zu unseren damaligen Mitschülern. Das hatten wir nämlich gemeinsam, wir gehörten nicht zu den coolen Kids auf dem Schulhof, sondern hielten uns lieber am Rand unseres Jahrgangs auf. Von Klassentreffen bekommen wir ab und an Wind, aber hingegangen sind wir beide nur selten, denn nur die damals coolen Kids bekommen regelmäßig Einladungen. Es schert uns nicht.

Ich war nicht gerade mit dem Plan aufgebrochen, meiner damaligen Klassenkameradin nach so langer Zeit mein ganzes Leben zu erzählen. Aber wie es so ist, man fängt an und dann gibt es diese seltsamen Parallelen, diese ständigen Déjà-Vus, und am Ende weiß man so unglaublich viel über eine Person, die man zwar schon so lange kennt, die aber im Laufe der Jahre verblasst ist. Die nach dem Abi einen so ganz anderen Weg und doch irgendwie den gleichen eingeschlagen hat. Wir sprechen über die Schulzeit, denkwürdige Lehrgestalten, aber auch über seelische Qualen, die man als Heranwachsender verspürt. Wir berichten von Dingen, die uns abgrundtief erscheinen, die wir wahrscheinlich noch niemand anderem anvertraut haben, während wir am Wasser sitzen und an unserer Fassbrause nippen.

Auf der Flucht. Von der Schule, in der wir uns oft unverstanden fühlten, in eine langjährige Beziehung, die uns zum Unverständnis noch das Gefühl des Unwertseins vermittelte, durch eine aufreibende Trennungsphase hin zur Neuordnung, zu einem anderen Leben. So oft schon gehört, so oft erlebt. So langsam kommt es mir vor, als sei das das Paradeschicksal unserer Generation. In einer Zeit des Wohlstands und Friedens fechten wir innere Kämpfe aus ohne Aussicht auf Erfolg und lassen uns emotional beuteln, immer wieder, immerhin ohne den Optimismus zu verlieren, dass am Ende alles gut werden wird.

Eine Geschichte bleibt mir noch länger im Gedächtnis. Sie erzählt von einem Wettlauf der besten Schüler ihrer Grundschule. „Ich war immer schon groß und gut im Sprint. Ich lag ganz vorne, zusammen mit einer Mitschülerin. Ich wusste, ich hätte sie schlagen können. Aber mein Gewissen war da anderer Meinung. Auf den letzten Metern noch habe ich mit mir gerungen. Und kurz vor der Ziellinie … da hab‘ ich sie einfach vorgelassen. Nachher, bei der Siegerehrung, hab‘ ich ihr noch überschwänglich zum Sieg gratuliert…“

Wie bezeichnend, denke ich. Egoismus-Verbot, in allen Lebenslagen. Das macht es natürlich möglich, sich leichtfertig ausnutzen zu lassen – bloß nicht egoistisch sein, auch wenn das Innere aufbegehrt, das größte Stück Kuchen fordert, den größten Erfolg ersehnt. Bloß nicht egoistisch sein. Wo hat es uns hingebracht? Ans Wasser, neben uns die Fassbrause, während wir den Sand durch unsere Hände rieseln lassen. Die vergangenen 26 Jahre, erodiertes Leben, staubgewordene Träume. Der Fluss zieht schnell vorüber, sein Strom bringt neue Jahre, neues Leben, neue Träume mit sich. Ich denke, wir werden noch einmal zugreifen.

Signe de vie

Madame ist verreist. Endlich weg vom Alltag, der mich seit Jahresbeginn fordert, und der mich in den letzten langen Wochen sogar vom Schreiben (und vielen anderen wichtigen Dingen) weggezerrt hat. Deshalb lasse ich euch auf die Schnelle ein kleines Lebenszeichen zukommen; es geht mir gut, nur das Wetter könnte sich noch ein wenig mehr zusammenreißen.

Wer weiß, wo ich mich gerade aufhalte?

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Des petits plaisirs

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Viele Grüße aus …? Ich denke an Euch! Bis hoffentlich bald!

Realitäts¦ver¦lust

Heimat, im physischen Sinne, ist ein überholtes Konzept. Das Herz sucht sich seinen Platz, ihm sind Distanzen und Umstände völlig egal. Mir wären Distanzen und Umstände gerne genau so egal, aber die Realität mit all ihren Einwohnern hat eine ganz andere, eine eigene Meinung. Aber, muss meine Realität zwingend die gleiche sein? Wenn Meinungen verschieden sein können, dann auch Realitäten. Eure Tatsachen gegen meine, euer Leben und meins. Und überhaupt, wer bestimmt, dass man sich auf eine Realität, diese eine Tatsache, dieses Leben festlegen muss? Ein überholtes Konzept, Heimat, wenn die Realitäten in ihr sich aneinander reiben. Eure Tatsachen, euer Leben. Aber ohne mich. Lust am Verlust.

Was, wenn die See die ganze Zeit das war, was ich unter Heimat verstand? Was, wenn meine Heimat gar keine war, weil sie mich immer wieder geschüttelt, gezogen und wieder verlassen hat? Was, wenn ich die ganze Zeit gar nicht nach ihr, sondern nach einer anderen Freiheit gesucht habe? Das erklärt, weshalb mir fester Boden unter den Füßen stets brüchiger, unsicherer schien als das Meer selbst, wenn nicht einmal eine Sandburg darauf lange hielt. Es ist Zeit für den Kurswechsel. Sandige Gestade, unbesetzter Leuchtturm, euch lasse ich im Rücken und setze die Segel, auf dass der Wind mich hinaustrage, so richtig weit fort. Denn er bläst stark, von Land. Ich habe es erst jetzt zu deuten verstanden. Die Sirenengesänge waren nur ein fernes Echo, die scharfen Klippen ließen sie abprallen und verschleierten ihre Herkunft.

Auf See schlägt man keine Wurzeln. Irgendwo da draußen ruft ein anderer Hafen. Neues Land zeichnet sich ab auf dem Herzradar. Dafür nehme ich Verlust in Kauf und schlage meinen persönlichen Gewinn daraus. Mein Leben, meine Realität.